Isabelle ist eine andere

14. März 2016, 10:39
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Thomas Köcks "Isabelle H." in Volx/Margareten

Wien – Bevor er seiner blutigen Leidenschaft nachgeht, pflegt der Fernsehserienmörder Dexter seinen Arbeitsraum mit transparenter Plastikfolie auszukleiden. Man will sich die Hände schließlich nicht bei der Tatortreinigung schmutzig machen. Ein ähnliches Bild bietet der von Camilla Hägebarth eingerichtete Bühnenraum des Volx/Margareten, der zweiten Spielstätte des Wiener Volkstheaters, für die österreichische Erstaufführung von Isabelle H. (geopfert wird immer). Das macht auch Sinn, wird hier doch nicht nur die europäische Kriseninterventionspolitik seziert, sondern auch ordentlich Staub aufgewirbelt.

Der 1986 in Steyr geborene, gegenwärtig allerorts gefeierte Dramatiker Thomas Köck stellt zwei Figuren in das Zentrum seines Stücks. Der traumatisiert aus Afghanistan heimgekehrte Soldat Daniel C. (Christoph Rothenbuchner) und eine illegale Immigrantin, die sich Isabelle Huppert nennt (Katharina Klar), haben sich in einer Lagerhalle verschanzt. Was sie dorthin gebracht hat und warum sich draußen ein Polizeikommando (Okan Cömert, Max Gindorff) auf den Zugriff vorbereitet, das wird erst nach und nach aufgeklärt. Während das Schicksal Daniels in Rückblenden erzählt wird, bleibt Isabelles Vita im Dunkeln. Köck möchte bewusst kein Flüchtlingsschicksal auf die Bühne bringen.

Frau als Sprachrohr

Stattdessen fungiert die Figur der jungen Frau als Sprachrohr des Autors, der so beständig den westlichen Blick – und besonders den des Kulturbetriebs – auf den Lebenskampf der Geflohenen hinterfragt. Eingespielte Interviewausschnitte der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert sollen zudem das Spiel als solches erkennbar machen und kommentieren. Zuletzt kündigt Katharina Klar überhaupt ihre Opferrolle.

Regisseur Felix Hafner lässt in der Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar beständig mit Sandsäcken hantieren. Aus ihnen staubt der Sand der Krisengebiete, der kaum merklich durch jede Ritze kriecht und sich über alles legt. Was das alles in letzter Konsequenz bedeutet, serviert das gut gespielte, aber etwas zu sehr von seiner eigenen Gescheitheit eingenommene Stück nicht auf dem Silbertablett. Es ist eine schmutzige Welt da draußen. (Dorian Waller, 14.3.2016)

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