In der Jazzgalerie der Traditionen

13. März 2016, 19:52
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Sängerin Cécile McLorin Salvant gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien – Die junge Dame, Cécile McLorin Salvant wurde 1989 in Miami geboren, ist das singende Geschichtsbewusstsein: In ihrem Zugang spiegelt sich Ella Fitzgeralds fröhliche Klarheit ebenso wie Billie Holidays raffinierte Zierlichkeit. Allerdings ist auch der subjektive Zugang zur Songinterpretation erkennbar, der an Größen wie die verstorbenen Stilistinnen Carmen McRae oder Betty Carter denken lässt. Die Moderne ist an der US-Amerikanerin nicht spurlos vorbeigezogen. Doch geht sie in die Vorgeschichte des Jazz zurück – Richtung Gospel -, wird selbst die kratzige Growl-Stilistik reanimiert.

Dieser Eklektizismus hat nichts von einem akademischen Vortrag. Sehr persönlich verarbeitet McLorin Salvant die Stilelemente mit einer grandiosen, nie selbstzweckhaft zur Schau gestellten Technik. Improvisation verschmilzt mit Songinterpretation. Hält sie sich dabei recht streng an Texte, werden die Melodien frei behandelt. McLorin Salvant scattet also nicht – ihre Improvisation ist eher das raffinierte Spiel mit dem Melodisch-Klanglichen: Sie setzt auf Registerwechsel innerhalb einer Phrase, auf delikaten Umgang mit der Pianokultur, auf Parlando und vor allem auf lange Töne, die von meisterlicher Intonation und bewusst sparsamem Umgang mit dem Vibrato zeugen.

Das sie umgebende Klavier/ Bass/Schlagzeug-Trio ist stilistischer Mainstream, es lässt die Stücke etwas konventionell erscheinen. Wie Salvant jedoch Klassiker wie Never Will I Marry oder Rodgers & Harts I Didn't Know What Time it Was neudeutet – das hat mit Dekonstruktion und Neukonstruktion zu tun und bleibt eine anspruchsvolle Geste im harmlosen Bandambiente.

Technik und Gestaltungswille verschmelzen hier einfach ideal, belegen Grundsätzliches: Die Jazztradition bietet ausreichend Raum für Entfaltung. Man muss ihn nur zu nutzen wissen. (Ljubisa Tosic, 13.3.2016)

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