Ökonomen sehen Vorteile eines Währungskriegs

13. März 2016, 17:48
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Um der globalen Wirtschaftsflaufte zu entkommen, schlagen Experten vor, mehr unkonventionelle Maßnahmen zu erwägen

Wien – Mario Draghi ist es gewohnt, heftig attackiert zu werden. Doch in der vergangenen Woche kam der Angriff auf den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) aus einer ungewohnten Richtung: Donald Trump war einer der Ersten, der die EZB scharf für die Senkung der Leitzinsen kritisierte. Der Bewerber für die republikanische Präsidentschaftskandidatur warnte im US-Fernsehsender CNBC davor, dass Draghis Strategie massenhaft Jobs in den USA gefährde und der Italiener obendrein einen globalen Währungskrieg anzetteln wolle.

Trump ist nicht der Erste, der so argumentiert. Auch in Europa, besonders in Deutschland, fürchten viele, dass die EZB einen gefährlichen Abwertungswettlauf in Gang bringen könnte. Das Argument geht so: Die EZB hat ihre Geldpolitik 2015 stark gelockert. Sie pumpt seither Milliarden Euro monatlich in den Markt, um die realen Zinsen zu senken. Wer dem Niedrigzins entkommen will, muss seine Euro in andere Währungen tauschen. Durch diese Fluchtbewegung verliert aber der Euro an Wert. Genau dieser Effekt ist von der EZB gewünscht: Denn ein schwacher Euro bedeutet, dass europäische Maschinen und Autos im Ausland billiger werden.

Doch die USA und Japan werden es sich nicht gefallen lassen, wenn ihre Firmen Marktanteile verlieren. Diese Länder werden selbst beginnen, ihre Währungen zu schwächen. Die Folge wäre ein globaler Währungskrieg, der nur Verlierer kennt, weil alle zeitgleich abwerten und dafür immense Summen ausgeben.

Düstere Aussichten

Dieser mögliche Ablauf der Ereignisse blieb lange Zeit unwidersprochen. Doch das ändert sich. Weil das Wachstum weder in Europa noch in den USA und in Asien richtig in Gang kommt, mehren sich Stimmen, die behaupten, dass ein Währungskrieg genau das sein könnte, was die Welt braucht. So argumentiert der auf Notenbanken spezialisierte US-Ökonom Barry Eichengreen.

Der Berkeley-Professor malt ein düsteres Bild: Europa stehe am Rande einer katastrophalen Deflation. Das Wachstum zieht nicht an, die Preise fallen, weshalb nicht mehr investiert werde. "Die Politik unternimmt dagegen zu wenig", beklagt Eichengreen im STANDARD-Gespräch, weil zu viel gespart werde. Die Einzigen, die handeln, seien Notenbanken wie die EZB. Doch Draghi müsse noch aggressiver agieren. Die EZB hat ihr Anleihenkaufprogramm soeben von 60 auf 80 Milliarden Euro ausgeweitet, Eichengreen empfiehlt gleich 100 Milliarden. Die EZB müsse mit allen Mitteln klarmachen, dass sie eine Deflation nicht akzeptieren wird und dafür bereit ist, den Euro auf Talfahrt zu schicken.

Derart drastische Schritte würden die US-Notenbank Fed aufschrecken. Sie müsste ihre langsame Politik zur Anhebung der Zinsen verschieben. Die Bank of Japan wäre gezwungen, selbst eine viel aktivere Politik zu Schwächung des Yen zu starten. Kurzum: Die globale Geldpolitik wäre auf einen Schlag noch lockerer. An der Währungsfront wäre damit nichts gewonnen. Doch glaubt Eichengreen, dass ein entschlosseneres und zeitgleiches Handeln der Zentralbanken zu einem gewünschten Stimmungswandel in der Wirtschaft führen könnte. Beginnen Unternehmer zu glauben, dass die Wende bevorsteht, fangen sie wieder zu investieren an.

Diesem Argument können auch Ökonomen wie Christian Odendahl, der in London forscht, einiges abgewinnen. Wenn ein Währungskrieg darauf hinausläuft, dass Staaten ihre Märkte gegen die billige Konkurrenz abschotten, wäre das fatal, sagt er. Jedoch eine expansivere Geldpolitik, die zwar gegeneinander gerichtet ist, in Wahrheit aber akkordiert abläuft, könnte helfen, so Odendahl. (András Szigetvari, 14.3.2016)

  • Werten alle Währungen ab, nützt das niemandem. Eine expansivere Geldpolitik der Notenbanken könnte aber hilfreich sein, sagen Ökonomen.
    foto: reuters

    Werten alle Währungen ab, nützt das niemandem. Eine expansivere Geldpolitik der Notenbanken könnte aber hilfreich sein, sagen Ökonomen.

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