Mit der virtuellen Brille zur Traumdestination reisen

Reportage13. März 2016, 16:40
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Die Urlauberzahl wächst, doch nicht alle Länder können davon profitieren. Manche verkaufen das Urlaubsglück durch die Brille

Sie ist zwar nicht rosarot, vermittelt aber dennoch Idylle pur und ist in der Lage, den Adrenalinspiegel ordentlich in die Höhe zu treiben: eine Brille, von der sich manche, die sie anprobiert haben, gar nicht mehr trennen wollen. Es ist eine virtuelle Welt, in die Besucher der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin an ausgesuchten Standorten bis Sonntag abtauchen konnten. Das war beim Österreich-Stand möglich, aber auch bei den Südtirolern, Bayern und Polen. Was noch ein Minderheitenprogramm ist, hat zweifellos Potenzial für mehr.

"Urlaub hat sehr viel mit Emotion zu tun, mit Bildern, die im Kopf entstehen. Wir helfen da ein bisschen nach", sagt Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung (ÖW). Es bedarf offenbar ständig neuer Köder, um die zunehmend unberechenbar agierenden Urlaubshungrigen zumindest für Momente zu fixieren. "Es geht um Aufmerksamkeit. Wir müssen zeigen, was wir haben und was wir können", sagt der Deutschland-Chef der ÖW, Oskar Hinteregger, bei mehreren Gelegenheiten.

850.000 Euro hat die ÖW für eine Woche ITB springen lassen. Nicht dabei zu sein kann man sich nicht leisten, gerade bei der 50. Auflage der Internationalen Tourismusbörse nicht. Österreich war zum 49. Mal dabei, mit einem X-Fachen an Ausstellern als zu Beginn – exakt 78 – und technischen Hilfsmitteln, von denen man früher nicht zu träumen wagte.

Schlangen für die Brille

Heuer war es also die 360-Grad-Brille, die für Schlangen an den Demonstrationsorten sorgte. Wer sich das Gestell umschnallte, konnte durch den Bregenzer Wald wandern, in der Steiermark durch den Naturpark Sölktäler spazieren, die Region Nockberge in Kärnten durchstreifen oder in den Nationalpark Hohe Tauern schauen, ohne einen Schritt tun zu müssen. Auch am Polen-Stand war die Brille ein Publikumsmagnet.

Wobei man sich über den Begriff Brille streiten kann. "Ein kleiner Plastikkasten ist das, mit zwei Linsen, etwas Schaumstoff und zwei Kopfbändern zum Fixieren", bringt es Claudia Hinnerkopf von Bayern Tourismus auf den Punkt. Auch Bayern wirbt mit virtuellen Welten und hat zu diesem Zweck zwei Filme drehen lassen: Surfen am Eisbach in München und Luftaufnahmen vom Kloster Weltenburg am Donauknie, Letztere mithilfe einer Drohne gemacht. Die Filme lassen sich über eine App starten, Samsung ist Vorreiter. Sobald das Handy mit der 360-Grad-Brille verbunden ist, glaubt man, selbst Teil des Geschehens zu sein. Aber nicht nur Samsung hat Virtual Reality entdeckt, auch andere Hersteller wie Apple und LG sind aufgesprungen – und Quereinsteiger wie Peter Daldos.

Aufnahmen zum Anlocken

Der Südtiroler ist mit einem Hubschrauber aufgestiegen und hat für die landeseigene Marketing Gesellschaft in den Dolomiten einen 360-Grad-Film rund um den Langkofel gedreht. Lust auf Urlaub zu wecken sei das Hauptkriterium gewesen, sagt Daldos, der sich mit dem Unternehmen Spherea3D GmbH auf diese Form von Film spezialisiert hat. Vertreter der Malediven, heuer Partnerland der ITB, haben bereits vorgefühlt. "Die möchten Aufnahmen ihrer Inseln aus der Luft haben, und dass man dann in die Unterwasserwelt abtaucht", sagt Daldos, "schau ma amol." Technisch möglich sei das: "Die Kamera ist wasserdicht, und die Fische werden sie schon nicht fressen."

Virtuell war vieles, was den rund 170.000 Besuchern der ITB geboten wurde. Die harte Wirklichkeit ließ sich dennoch nicht ausblenden. Tunesische Aussteller blieben fast unter sich, Ägyptern und Jordaniern ging es nicht viel besser, und die Urlaubswerber aus der Türkei, wiewohl zahlreich wie immer in Berlin vertreten, waren auch schon zuversichtlicher. Sie scheinen sich damit abgefunden zu haben, wegen gestiegener Ängste vor Terror heuer weniger Gäste empfangen zu können.

Wie dicht Urlaubsreisen und Fluchtbewegungen beisammenliegen, zeigte sich auch und gerade in Berlin: Wo bis Sonntag in Halle 26 noch Länder wie China, Laos, Japan und die Philippinen um einen möglichst großen Teil vom Urlaubskuchen mitgebuhlt haben, werden bald Flüchtlinge einziehen. Viele waren hier bereits, bevor sie vor Beginn der Internationalen Grünen Woche im Jänner in Ausweichquartiere mussten. Jetzt heißt es wieder zurück. Von Karibik-Flair und Alpenglühen werden diese Menschen nichts spüren und auch keine Brillen finden. Obwohl viele von ihnen die Virtualität vermutlich liebend gern gegen die Realität tauschen würden. (Günther Strobl aus Berlin, 14.3.2016)

  • Bayern warb wie Österreich mit virtuellen Welten um Gäste auf der Tourismusmesse ITB in Berlin.
    foto: afp / tobias schwarz

    Bayern warb wie Österreich mit virtuellen Welten um Gäste auf der Tourismusmesse ITB in Berlin.

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