Wiener Nordbahnhof: "Gstätten"-Paradies vor Abriss

Video14. März 2016, 08:00
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Einem Skatepark der Marke Eigenbau im zweiten Bezirk droht das Ende, weil die Stadt das Areal für Wohnungen nutzen will

Wien – Wer über die Brachflächen des ehemaligen Nordbahnhofs spaziert, bewegt sich über eine der letzten großen unbebauten Flächen in Zentrumsnähe. Wo früher ein Frachtenbahnhof betrieben wurde, regiert heute eine Koalition aus Wildwuchs und Sperrmüll. Doch die Gstätten wird genutzt: Spaziergänger, Familien mit Kindern und Anrainer streifen durch die Stadtwildnis.

fischer

Der belebteste Fleck inmitten der Brache ist eine große Betonfläche, um die sich im letzten Jahr der ALM DIY entwickelt hat: ein in Eigenregie gebauter Skatepark mit angeschlossenem Gemüsegarten, einem Grillplatz und einem Baumhaus. Sogar ein paar selbstgebaute Fitnessgeräte stehen herum. Urbaner Abenteuerspielplatz wäre wohl die passende Beschreibung. Was vorher als illegale Mülldeponie genutzt wurde, könnte bald wieder zu einer werden: Der einjährige Pachtvertrag der Skater mit der ÖBB ist ausgelaufen, eine Verlängerung ist mehr als offen.

15.000 Euro Räumungskosten

Ben Beofsich (27) gehört zum harten Kern der Gruppe an jungen Menschen, die aus der Brachfläche ihr eigenes Paradies gemacht haben. "Im Sommer haben wir mehr Zeit hier als zu Hause verbracht", erzählt er über die Arbeiten am Skatepark. Besonders das Betonieren der Rampen war mit viel Aufwand verbunden. Unterstützung kam von den Magistratsabteilungen für Bildung (MA 13) und Stadtentwicklung (MA 18). Sie wieder wegzuräumen könnte für die junge Initiative teuer werden: Mit 15.000 Euro Räumungskosten rechnen sie. "Es ist nicht klar, wann und ob hier überhaupt gebaut werden soll, wir haben ein Jahr lang Miete gezahlt und uns im Grätzel als Treffpunkt für alle etabliert", ärgert sich Beofsich.

foto: christian fischer
Die Skater haben sich Schanzen und Hindernisse selbst gebaut.

Traurig ist die Wiener Skateszene auch wegen Spoff, eines DIY-Skateparks in der Nähe der U-Bahn-Station Donaustadtbrücke. Er wurde Anfang des Jahres von der Grundeigentümerin Asfinag abgerissen. Das Gelände wurde über mehrere Jahre mit betonierten Rampen ausgebaut, bemalt und zu einem Treffpunkt der Szene gemacht.

Gemeinsam mit Skatern geplant

Was Skateanlagen betrifft, hat sich die Strategie der Stadt Wien in den vergangenen Jahren stark verändert. Statt willkürlich gebauter Fertigteilparks werden die Anlagen nun mithilfe von Skatern geplant, so sind etwa unter der Nordbrücke, am Gürtel, im Prater und zuletzt im Währinger Park neue Skate-Möglichkeiten entstanden. Die Motivation, trotzdem die Mischmaschine anzuwerfen und zu Schaufel und Kelle zu greifen, liegt für Beofsich auf der Hand: "Da steht auch eine persönliche Überzeugung dahinter: Brachliegender Raum muss nutzbar sein. Besonders wenn er quasi im Eigentum der Republik ist." Zumindest bis zu einer Bebauung wollen er und der Skater-Verein den Platz nutzen.

foto: christian fischer
Nun fürchten die Sportler Räumungskosten in der Höhe von 15.000 Euro.

Die Gegend um den ehemaligen Nordbahnhof ist eines der großen Stadtentwicklungsgebiete, die Gemeinde will hier Wohnungen bauen. Im Zuge eines Bürgerbeteiligungsprozesses hat sich die Stadt Wien ein Leitbild für die zu bebauende Fläche entwickelt. Wo seit Frühling 2015 der ALM DIY steht, soll die Stadtwildnis erhalten bleiben. Das Verständnis der Anrainer und Skater für die Räumung des Platzes hält sich in Grenzen. Auch Jutta Kleedorfer von der MA 18, die sich um die Zwischennutzung von leerstehenden Gebäuden und Brachflächen kümmert, setzt sich für das Weiterbestehen des Skateparks ein: "Wir haben uns damals sehr für Vertrag der Skater am Nordbahnhof eingesetzt und würden natürlich auch jetzt eine Weiterführungsmöglichkeit begrüßen." Eine Prognose, ob der ALM DIY in naher Zukunft noch stehen werde, wagt sie aber nicht.

ÖBB kompromissbereit

Noch sei nicht klar, wann die Fläche an die Stadt übergeben wird, so Christopher Seif, Sprecher der ÖBB. "Von einer Verlängerung des Vertrages war nie die Rede", sagt er. Eine erneute Nutzung der ehemaligen Brachfläche durch die ÖBB nach der Räumung sei einstweilen nicht vorgesehen, so Seif weiter. Er gibt sich kompromissbereit: "Sollten Stadt und Bezirk auf uns mit dem Wunsch nach Vertragsverlängerung zukommen, kann man eine weitere Vorgangsweise erarbeiten."

Auch die Skater vom ALM DIY hoffen auf politische Unterstützung: "Im Rathaus gibt es einige Verantwortliche, die unser Projekt unterstützen." Auf der Bezirksseite laufe man gegen eine Mauer an, so Beofsich. Karlheinz Hora, der SPÖ-Bezirksvorsteher der Leopoldstadt, weist die Verantwortung zurück: "Die alleinige Entscheidung über eine Vertragsverlängerung liegt nach wie vor beim Grundeigentümer, also der ÖBB." (David Tiefenthaler, 14.3.2016)

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