Unbeweglicher Olymp, versteinerter Preis

Kommentar der anderen13. März 2016, 15:45
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Der Große Österreichische Staatspreis wird alljährlich vom Kunstsenat vergeben, der wiederum die Preisträger in seinen Kreis aufnimmt. Die Folge ist eine Verengung der Ästhetik, eine Überalterung und eine Benachteiligung von Frauen. Eine Reform muss her

Die höchste künstlerische Auszeichnung der Republik ist der Staatspreis. Die 21 Mitglieder des Kunstsenats suchen mit seiner Vergabe auch aus, wen sie künftig in ihrem hehren Kreis sehen wollen.

Diesmal fiel die Wahl auf Gerhard Roth; es sei ihm gratuliert. Winkler+Handke+Rühm+Waterhouse+Mayröcker+Aichinger = Roth. Zwar stimmten nicht alle der Genannten, und auch Kunstsenatoren aus anderen Sparten redeten mit. Die Ergebnisse jedoch erhalten jeweils insofern eine bedingte Vorhersehbarkeit, als die Herren und Damen ihrem besten ästhetischen Wissen folgen. Es ist eben ihr ästhetisches Gewissen, sodass eine künstlerische Breite, soziologisch ausrechenbar, wenig gefördert wird.

Diese Art von Gruppendynamik findet sich durch die Geschichte des Kunstsenats, der höchsten In stitution des österreichischen Kulturlebens, belegt. Der Ständestaat führte 1934 den Staatspreis ein, um auch für Literatur, Musik und bildende Kunst ein (damals nicht konkret etabliertes) Gremium der Besten eines Standes zu schaffen. Ab 1954 bildeten Staatspreisträger den Kunstsenat, in den sie auf Lebenszeit berufen werden. Die Nachteile der Zuwahl auf immerdar sind seit langem festzustellen: Verengung in Ästhetik und Gruppe, Überalterung und Unbeweglichkeit, Männerdominanz und Frauenbenachteiligung.

Die Ausschreibung sah ab 1934 vor, ein Werk zu prämieren, "dessen Inhalt und Sinn dem Stoffkreis der österreichischen Heimat entnommen" seien. Juroren und Gekürte standen meist in engen Beziehungen zueinander, ein Rühriger des Ständestaates sorgte besonders intensiv für Kontinuität: Rudolf Henz saß 1934 in der Jury. Nach 1945 leitete er den Rundfunk, 1953 wurde er mit dem Staatspreis ausgezeichnet und führte lange den Vorsitz des Kunstsenats.

Zusammensetzung ändert sich

In der Folge von 1968 änderte sich sukzessive die Zusammensetzung des Kunstsenats, somit die in ihm vorherrschende ästhetische Vorstellung. Nach den Herren Csokor, Zuckmayer, Lernet-Holenia und auch solchen, die dem Nationalsozialismus nahegestanden waren wie Mell, Nabl und Ginzkey, erhielten 1968 bis 1970 Ingeborg Bachmann, Christine Busta und Christine Lavant den Staatspreis. 1974 kam H. C. Artmann zu Ehren, 1982 Friederike Mayröcker, 1984 Ernst Jandl, 1989 Oswald Wiener. Zwei Jahre später war mit der Auszeichnung von Gerhard Rühm ein Großteil der Wiener Gruppe vertreten.

Die Gruppendynamik hat Friedrich Achleitner 2003 in seinem grandiosen Aufsatz Stau im Olymp am Beispiel der Architekten vorgeführt. Der Kunstsenat sei ein "sich selbst fortzeugender Olymp". Seiner Aufgabe, "ein aktiver Wächter über die künstlerische Entwicklung des Landes" zu sein, komme er nicht nach.

Die bis 2003 geehrten Architekten waren alle in Wien ansässig – Achleitner konstatiert einen "prinzipiellen Ausschluss der emigrierten und vertriebenen Österreicher". Die Zuwahl ereilte sie in immer jüngeren Jahren: Josef Hoffmann war achtzig, als man ihn 1950 zum ersten Staatspreisträger der Zweiten Republik kürte; Clemens Holzmeister war 67 und wurde 1954 Präsident des Kunstsenats, worauf sogleich sein Partner Max Fellerer (65) bedacht wurde, sodann 1958 aus Holzmeisters Kreis sein Vertreter an der Akademie, Erich Boltenstern (62).

Paradoxon

Mit der 1971 erfolgten Zuwahl von Gustav Peichl (43) stellt Achleitner ein Paradoxon fest: "Je jünger die Staatspreisträger werden, umso mehr ‚versteinert‘ der Kunstsenat." Wenn jemand mit vierzig für sein Lebenswerk aus gezeichnet werde, könne er nach der Lebenserwartung der Architekten über fünfzig Jahre im Olymp thronen. Heute liegt ihr Durchschnittsalter bei 76 Jahren.

Laut Statuten ist ihnen aufgetragen, "die Anliegen der Kunst in der Öffentlichkeit zu vertreten". Von der Existenz des Kunstsenats aber haben sogar viele Kulturschaffende keine Ahnung. Wie denn auch?

Die eruierbaren Auftritte der letzten Jahre sind 2000 eine Stellungnahme zur Künstlersozialversicherung, 2008 ein Aufruf für das ORF-Symphonieorchester, 2015 ein Protest gegen den Verkauf des Funkhauses. Auf der Homepage liest man unter "Aktuell" Berichte von Staatspreisverleihungen, Gratulationen zu Geburtstagen und Ehrungen sowie Nekrologe.

Frauenanteil gestiegen

Seit 1950 erhielten 98 Männer und elf Frauen den Staatspreis, heute besteht der Kunstsenat aus 18 Männern und drei Frauen.

Der Kunstbericht der Republik vermerkt für 2014 unter "Gender Budgeting", im Kunstleben Österreichs sei "der Anteil von Frauen kontinuierlich gestiegen". Auf das höchste Gremium zeitigt das keine Auswirkung. Für eine Gleich stellung müsste der Staatspreis bis 2102 an Frauen vergeben werden. Weniger lang würde es für den Kunstsenat dauern: Mindestens die nächsten sieben, die in den Olymp einziehen, müssten Frauen sein. Es wäre besser:

  • den Frauenanteil gehörig zu steigern;
  • die Mitgliedschaft auf Lebenszeit aufzugeben;
  • den Staatspreis durch eine Jury, deren Mitglieder nicht dem Kunstsenat angehören und jährlich wechseln, vergeben zu lassen;
  • das ganze Konzept, das aus einer anderen Zeit kommt, zu über denken.

Es sei denn, man hält sich ernsthaft an Georg Kreislers satirisches "Ändern loßt sich gor nix, weil sonst hätt ma’s jo schon gmocht". (Klaus Zeyringer, 13.3.2016)

Klaus Zeyringer ist Professor für Germanistik und Literaturkritiker.

  • Germanist Klaus Zeyringer: Konzept überdenken.
    foto: privat

    Germanist Klaus Zeyringer: Konzept überdenken.

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