Balkanroute-Schließung für Schönborn "mangelnde Solidarität"

13. März 2016, 13:12
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Der Kardinal äußert Sorge wegen Schließens der Balkanroute, aber Verständnis für "Notmaßnahme"

Wien – Kardinal Christoph Schönborn vermisst in der Flüchtlingskrise eine gemeinsame europäische Lösung. "Es ist beschämend, dass es keinen europäischen Konsens gibt", sagte er am Sonntag in der ORF-"Pressestunde". Gleichzeitig äußerte er auch Verständnis für einseitige Schritte einzelner Staaten: "Aber ich verstehe die Bundesregierung, dass sie sagt, wir sind an eine Grenze gekommen."

Das Schließen der Balkanroute sei einseitig erfolgt, "ohne einstimmigen europäischen Beschluss, ohne Griechenland und Deutschland. Das halte ich für einen Akt mangelnder europäischer Solidarität. Das werfe ich aber der österreichischen Bundesregierung nicht alleine vor, sondern auch vielen anderen europäischen Ländern." Die "Testfrage" sei nun, wie es mit den Menschen an der mazedonisch-griechischen Grenze bei Idomeni weitergehe. "Da kann man nicht sagen, das ist jetzt Griechenlands Problem", forderte er europäische Solidarität ein. Ziel müsse es sein, humanitärere Korridore auszubauen und die Betroffenen direkt aus den Krisengebieten zu holen. Damit würde man auch die Schlepper ausbooten, die durch das nun erfolgte Schließen des Grenzen wieder Aufwind erhalten hätten.

Lob für Angela Merkel

"Ich sehe die Schließung der Balkanroute als eine Notmaßnahme, als eine provisorische Maßnahme", sagte der Kardinal. Er könne sich vorstellen, "dass es zum Beispiel mit unseren Nachbarstaaten, aber auch England oder Dänemark, extrem schwierig ist, einen wirklichen Konsens zu finden. Dass Österreich dann mit den Balkanländern gesagt hat, machen wir einen Alleingang – schön ist das nicht, ich kann es aber bis zu einem gewissen Grad verstehen. Das darf aber sicher nicht das letzte Wort sein", so der Kardinal.

Besonderes Lob äußerte Schönborn für die Haltung von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel: "Ich freue mich, dass ihr die deutschen Bischöfe die Stange halten. Merkel ist eine sehr mutige, kluge Frau. Sie hat mit einem tiefen Gespür für Menschlichkeit gehandelt. Und sie ist die Person, die am stärksten, am deutlichsten in Europa sagt, wir müssen das Problem gemeinsam schultern. Diese Deutlichkeit wünschte ich mir von vielen europäischen Politikern – auch von jenen in Österreich, die eine Zeit lang voll hinter Angela Merkel gestanden sind." Und die nun "aus einer verständlichen Sorge gesagt haben, das schaffen wir nicht."

Beherberungsfrage lösbar

Hinsichtlich der Aufnahme-Kapazität Österreichs sagte Schönborn, Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) habe in einem Gespräch gemeint, wenn heuer wieder 90.000 Personen um Asyl ansuchen, sei das ein Limit, das Österreich nicht verkraften könne. "Natürlich ist jetzt schon unsere Organisation am Limit, wie soll man 90.000 Asylanträge sachgerecht bearbeiten", so Schönborn. Die Beherbergungsfrage hingegen sei "lösbar": Auch seitens der Kirche könne man noch mehr tun. Es hätten bis jetzt bereits – und erst, je nach Betrachtungswinkel – die Hälfte der Pfarren Flüchtlinge aufgenommen, so der Kardinal.

Gefragt, wie er die Silvesterereignisse von Köln einordnet und ob der Islam ein reaktionäres Frauenbild habe, sagte Schönborn, er denke, es sei kulturell und religiös manches aufzuholen. "Aber tun wir nicht so, als hätten wir das in unserem eigenen Kulturkreis nicht auch", verwies er etwa auch die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern für gleiche Arbeit.

"Eines scheint mir sicher: Die Aufklärung, die Christen- und Judentum in Europa durchgemacht haben, mit einem großen gesellschaftlichen Transformationsprozess, das fehlt im Islam." Die entscheidende Frage sei die der Gewissensfreiheit und der Religionsfreiheit, den dies seien "Schlüsselfragen der Menschenrechte". "Eines müssen wir den Muslimen auf jeden Fall sagen: Bei uns und in ihren Ländern – die Religionsfreiheit ist für uns unaufgebbar. Das müssen die Muslime, die in unser Land kommen, verstehen." (APA, 13.3.2016)

  • Auch seitens der Kirche könne man noch mehr tun, sagt Kardinal Christoph Schönborn.
    foto: reuters/bader

    Auch seitens der Kirche könne man noch mehr tun, sagt Kardinal Christoph Schönborn.

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