Lauda: "Man muss die Formel 1 aggressiver hinstellen"

Interview14. März 2016, 07:47
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Niki Lauda sieht der am 20. März anhebenden Formel-1-Saison trotz starker Mercedes-Tests nicht entspannt entgegen. Der dreifache Weltmeister sorgt sich um das Produkt und dessen Nachrede

STANDARD: Sie haben sicher Anwesenheitspflicht beim ersten Rennen in Australien, oder?

Lauda: Jawohl, erstens bin ich eh bei jedem Rennen, aber jetzt geht's neu los. Da muss man aufpassen.

STANDARD: 21 Rennen stehen in dieser Saison an, so viele wie noch nie. Der GP von Europa in Baku ist neu. Je mehr Rennen desto besser?

Lauda: Bernie Ecclestone versucht natürlich, die Formel 1 in neue Gebiete zu schicken, neues Interesse zu wecken. Baku ist so ein Fall. Die Nur-Veranstalter wie Hockenheim tun sich schon schwer mit dem Geldverdienen, weil die Rennen so teuer geworden sind. Länder wie Bahrain und Aserbaidschan sehen den Event als PR. Die leben nicht von den Einnahmen. Die rechnen sich das aus: 'Der Grand Prix kostet X. Ich krieg' weltweit Bekanntheit dafür.'

STANDARD: Ist es gut, dass die Formel 1 solche Länder unterstützt?

Lauda: Man muss da die Politik heraushalten. Der Bernie muss schon auf das Geschäft schauen. Wenn er überall jeden fragt, ob es passt, dann kommt er logischerweise nicht weiter. Er entscheidet, was für ihn und den Sport richtig ist, das haben wir zu akzeptieren. Wir haben da keinen Einfluss.

STANDARD: Wie wichtig ist es im Allgemeinen und für Mercedes im Besonderen, dass Hockenheim wieder zurück im Kalender ist?

Lauda: Der Hockenheim-Abschied war ja schlechthin ein Wahnsinn. Die bekannten Grand Prix in Europa dürfen nie wegfallen, weil dann bricht das ganze Promotionkartenhaus zusammen. Wir brauchen als Basis die Rennen, die immer da waren und zusätzlich die anderen. Gott sei Dank ist Hockenheim zurück.

STANDARD: Die jüngste Meldung war, dass Sauber Gehälter nicht voll zahlt. Renault ist zurück, wird wohl keine Probleme haben. Wie ist das mit dem neuen Team Haas?

Lauda: Das mit Sauber kann man vernachlässigen, die sind immer am Limit unterwegs. Sie werden aber in Melbourne starten. Das ist das Wichtigste. Dazugekommen ist Haas. Die haben mit 100 Millionen rund die Hälfte oder ein bisschen weniger als die Topteams, aber mit dem intelligenten Approach, sich mit Ferrari zusammenzutun, Motor, Getriebe und alles, was es gibt, von Ferrari zu nutzen, auch den Windkanal. So tritt man am besten in die Formel 1 ein. Jetzt ist für mich die Frage: Wo endet Haas nach drei bis vier Rennen? Ich glaube, dass der ins Mittelfeld fahren könnte. Das wäre eine Sensation.

STANDARD: Und Renault?

Lauda: Jeder Automobilhersteller, der hineinkommt, hilft der Formel 1. Nur die brauchen ein wenig Zeit, bis sie dieses vormalige Lotus-Team auf Trab bringen. Für mich noch interessanter: Red Bull fährt mit einem Tag-Heuer-Motor, der ist von Renault. Zuerst haben sie ohne Ende gestritten, jetzt braucht Renault aber dringend Red Bull für die technische Zusammenarbeit, damit der eigene Wagen schneller geht. Ich hoffe, dass dort auf beiden Seiten Vernunft eintritt. Weil je enger jetzt Renault mit Red Bull zusammenarbeitet, ohne zu sagen, dass das die Bösen waren, desto schneller wird dieser Motor besser werden, desto schneller wird ihr eigenes Auto besser werden.

STANDARD: Sprechen Sie da als Mercedes-Vorstand oder nur als Formel-1-Connaisseur?

Lauda: Das ist natürlich eine allgemeine Sicht der Dinge.

STANDARD: Können Sie so gelassen analysieren, weil alle Tests dafür sprechen, dass Mercedes wieder einen gewissen Vorsprung haben wird?

Lauda: Nein, ich bin überhaupt nicht gelassen. Jedes Jahr ist eine neue Herausforderung. Ich weiß, je länger wir mit Mercedes durch Motorleistung und perfekte Autos den anderen vorzeigen, was möglich ist, desto eher werden sie nachziehen. Das ist bei uns im Team ja auch so. Lewis Hamilton hat größten Respekt vor Nico Rosberg, weil ihm der immer näher rückt. Es ist ja logisch, wenn es keiner vormacht, tappt man im Dunklen. Bei den Teams kann man sich das über GPS-Daten holen. Deshalb glaube ich, dass Ferrari einen Riesenschritt in Richtung Mercedes gemacht hat. Der Motor ist wesentlich besser geworden, und das Auto auch. Da hat sicher die Haas-Kooperation auch mitgeholfen.

STANDARD: Inwiefern?

Lauda: Haas durfte ohne Limit den Windkanal benutzen, weil das Team noch kein Konstrukteur war. Ferrari hat das im Rahmen der Regeln genützt. Normalerweise kann man von einem zum anderen Jahr vier bis fünf Zehntel rausholen. Ich sage, die haben vier bis sieben Zehntel rausgeholt.

STANDARD: Es ist offensichtlich Mode, Mängel der Formel 1 aufzuzeigen. Fahrer jammern über die langsamen Autos. Ecclestone redet sein Produkt nur schlecht. Wie gefällt Ihnen die Formel 1?

Lauda: Es gibt viele Dinge, die man verändern muss. Aber die Art und Weise, wie die Formel 1 mit der Veränderung umgeht, ist ja der helle Wahnsinn. Der Ecclestone sagt, – grad' zu Beginn der Testfahrten in Barcelona – dass er mit seiner Familie nie zu einem Grand Prix gehen würde – absurd. Im Moment kommt man auf keinen Nenner, weil jedes Team das andere blockiert. Und Ecclestone versucht, in all diesen verfahrenen Situationen einen Kompromiss zu finden. Aber sich öffentlich so zu äußern, bringt nichts.

STANDARD: Was könnte man sofort verändern, wäre man sich einig?

Lauda: Man muss die Autos fünf bis sechs Sekunden schneller machen. Die Fahrer steigen jetzt alle aufs Podium und schwitzen nicht einmal. Man muss die Formel 1 aggressiver hinstellen. Dass die Menschen wieder Helden sehen. Es ist eine absurde Entwicklung entstanden, die für mich noch absurder wird, wenn jetzt alle darüber nachdenken, ob man einen Cockpitschutz bringen kann. Wenn das so weiter geht, wird keiner mehr die Formel 1 anschauen. Warum? Die Formel 1 ist aggressives Rennfahren am Limit, was eine gewisse Gefahr mitbringt. Gefährlicher machen darf man es nicht, aber wenn es so weit geht, dass man sie nicht mehr als Formel-1-Autos erkennen kann, hört sich bei mir der Spaß auf.

STANDARD: Aufregend an der Formel 1 der vergangenen Jahre war der Film über Ihre Karriere. Die Heldensagen sind auch entstanden, weil sich Piloten wehgetan haben, gar gestorben sind. Aber will man tatsächlich dorthin zurück?

Lauda: Nein, man darf nicht zurück. Aber wenn ich heute Skifahren in Kitz anschaue, da ist hohes Interesse. Warum? Weil es unglaublich ist, wie sich diese Typen die Streif hinunterhauen. Man sieht das Risiko, das sie eingehen und dann werden drei oder vier mit dem Hubschrauber weggeflogen, was auch nicht richtig ist. Aber wenn sie einen wegfliegen, gehört das dazu, dass die Menschen sich das interessiert anschauen. In der Formel 1 ist es das Gegenteil. Wir fahren alle still und leise im Kreis herum, passieren kann de facto nichts, außer es ist eine besonders blöde Situation.

STANDARD: Es gibt einen neuen Qualifikationsmodus. Vorangegangen ist ein kommunikatives Desaster. Was sagen Sie dazu?

Lauda: Das ist genau so, wie die Formel 1 sich heute darstellt. Da wird in der Strategiegruppe eine Entscheidung getroffen, dann kommt man drauf, dass es vielleicht mit den Fernsehdaten, die man da braucht, nicht kompatibel ist. Und deswegen kommt es vielleicht nicht. Der Bernie hat aber gesagt, er muss es jetzt haben. Der Vorteil wäre, dass mehr Autos auf der Strecke fahren. Objektiv betrachtet ist es die ganze Mühe nicht wert. Besonders dann, wenn wir es so blöd machen.

STANDARD: Ist es nicht einfach das Bedürfnis, irgendetwas zu tun?

Lauda: Genau das ist aber falsch. (Sigi Lützow, 24.3.2016)

Niki Lauda (67) ist Niki Lauda und seit Herbst 2012 Aufsichtsratsvorsitzender des Formel-1-Teams von Mercedes.

  • Seit Niki Lauda bei Mercedes vorsitzt, gab es 35 Siege und je zwei Fahrer- und Konstrukteurstitel.
    foto: apa/neubauer

    Seit Niki Lauda bei Mercedes vorsitzt, gab es 35 Siege und je zwei Fahrer- und Konstrukteurstitel.

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