Geldpolitik in der Eurozone: Mitgehangen, mitgefangen

Kommentar11. März 2016, 17:45
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Wer den gemeinsamen Euro will, muss auch die Pillen des Dr. Draghi schlucken

Nichts hätte die Stimmung in Deutschland besser auf den Punkt bringen können als die Titelseite des Handelsblatts vom Freitag. Nach dem Entscheid der Europäischen Zentralbank, die Zinsen weiter zu senken, ließ die Finanzzeitung den Chef der Notenbank, den Italiener Mario Draghi, eine fette Zigarre mit einem Hunderter anzünden. Draghis Gesichtsausdruck erinnerte an einen Mafioso. "Sein gefährliches Spiel mit dem Geld der deutschen Sparer", stand daneben.

Eigentlich sollte man sich darüber nicht mehr wundern: Warum sollten in der Wirtschaftspolitik der Union nicht dieselben nationalen Egoismen aufkommen wie etwa in der Flüchtlingskrise? Nur merken viele Deutsche nicht, dass sie bei der Geldpolitik auf der anderen, nationalistischen Seite sitzen. Die Eurowirtschaft will und will nicht in Fahrt gekommen, die Arbeitslosigkeit ist weiter hoch, zuletzt kam eine gehörige Portion Unsicherheit dazu. In Deutschland läuft die Wirtschaft hingegen schon einige Zeit sehr gut, höhere Zinsen wären angebracht.

Doch die EZB muss sich um 19 Länder kümmern, nicht um eines, auch wenn Deutschland die größte Volkswirtschaft ist. Die Notenbank reagiert auf die Lage in der Eurozone so, wie es die meisten nichtdeutschen Ökonomen empfehlen. Mit einer Kehrtwende würde sie die Konjunktur ernsthaft gefährden. Wer den gemeinsamen Euro will, muss auch die Pillen des Dr. Draghi schlucken. (Andreas Sator, 11.3.2016)

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