ORF-Stiftungsräte nehmen Wrabetz in die Mangel

11. März 2016, 17:11
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Nach ÖVP und Opposition kritisieren auch ORF-Stiftungsräte das Kanzler-Solo bei "Im Zentrum ". Sie verlangen Auskunft von ORF-Chef Wrabetz, von wem die Initiative zum Faymann-Interview ausgegangen ist

Wien – Für den ehemaligen ORF-Infodirektor Elmar Oberhauser ist es ein "beispielloser Skandal", für die ORF-Journalisten eine Entscheidung nach journalistischen Kriterien: Der Auftritt von Bundeskanzler Werner Faymann am Sonntag bei Im Zentrum sorgt weiter für heftige Diskussionen – und beschäftigt nun auch die Stiftungsräte. Dass der ORF sein Talkformat freiräumt, um Faymann zur Flüchtlingskrise zu interviewen, soll seinen Ausgang im Bundeskanzleramt genommen haben, behaupten die Kritiker. Und ORF-Generaldirektor Wrabetz agiere als verlängerter Arm Faymanns.

Stiftungsräte feuern

Nachdem sich bereits die ÖVP, FPÖ und die Grünen auf Wrabetz eingeschossen haben, legen nun die ORF-Stiftungsräte nach. Sie wählen am 9. August den neuen ORF-Generaldirektor. Wrabetz selbst möchte sich nicht zur Causa äußern. Die politische Dimension der Debatte kommt für ihn jedenfalls zur Unzeit. Er stellt sich der Wiederwahl im Stiftungsrat, in dem der ÖVP-"Freundeskreis" derzeit eine knappe relative Mehrheit hält. Verärgert sind jetzt aber nicht nur bürgerliche, sondern auch unabhängige Stiftungsräte.

Nach STANDARD-Infos gingen mehrere schriftliche Anfragen an Wrabetz ein. Unter Berufung auf das Aktienrecht hat der ÖVP-"Freundeskreis" eine Anfrage eingebracht, ebenso wie der grüne Stiftungsrat Wilfried Embacher, Norbert Steger (FPÖ), Günter Leitold (Team Stronach) und Hans Peter Haselsteiner (Neos). Sie wollen von Wrabetz Antworten darauf, von wem die Initiative zu diesem Einzelinterview ausgegangen sei, welche Gründe für die Entscheidung zugunsten des Einzelinterviews statt einer Diskussionsrunde ausschlaggebend waren und warum nicht ein ausführliches Interview unmittelbar nach Abschluss des EU-Gipfels Anfang der Woche geführt wurde.

Wilfried Embacher will in seiner Anfrage etwa wissen: "In welcher Form wurde und wird die Abbildung der Meinungsvielfalt hinsichtlich der Ergebnisse des EU-Gipfels gewährleistet?" Embacher verweist im STANDARD -Gespräch auch auf die Kritik der ÖVP: "Offensichtlich nimmt der Druck beider Großparteien auf den ORF vor den anstehenden Wahlen massiv zu."

Formatbruch

"Es muss die Frage gestellt werden, ob wir nach Ansicht des Generaldirektors mit diesem Formatbruch bei einer bewährten Diskussionssendung unserem gesetzlichen Auftrag zur Unparteilichkeit und Objektivität bestmöglich gerecht werden", sagt ÖVP-"Freundeskreisleiter" Thomas Zach zum STANDARD.

Die Initiative soll von TV-Chefredakteur Fritz Dittlbacher ausgegangen sein. Er habe Faymann persönlich eingeladen, heißt es aus ORF-Kreisen. "Wäre das Interview wirklich ein Wunsch des Bundeskanzlers oder des Generaldirektors gewesen, dann hätte es von der Redakteursvertretung einen sehr lauten Protest gegeben", sagt ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann.

Stiftungsrat Franz Medwenitsch, Vorsitzender des Programmausschusses, sieht im Faymann-Einzelinterview "die Preisgabe der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des ORF-Programms und außerdem einen Verstoß gegen das Sendeschema", sagt er dem STANDARD. (red, 11.3.2016)

  • ORF-Generaldirektor Wrabetz (links) sei Wegbereiter – wie hier bei einer TV-Konfrontation 2013 – für den Auftritt von Kanzler Faymann in "Im Zentrum" am Sonntag, kritisieren ÖVP und Opposition.
    foto: apa/herbert neubauer

    ORF-Generaldirektor Wrabetz (links) sei Wegbereiter – wie hier bei einer TV-Konfrontation 2013 – für den Auftritt von Kanzler Faymann in "Im Zentrum" am Sonntag, kritisieren ÖVP und Opposition.

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