Kamel Daoud: Ein Anti-Camus aus dem Geist des Postkolonialismus

11. März 2016, 17:01
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Der algerische Autor rollt den "Fall Meursault" auf verblüffende Weise neu auf

Wien – Den berüchtigtsten Mordfall in der Literatur des 20. Jahrhunderts soll ausgerechnet das Brennen der Sonne verursacht haben. In der brütenden Hitze des Sommers 1942 erschießt ein Franzose am Strand von Algier einen namenlos bleibenden Araber. Die Gründe für die Bluttat halten keiner näheren Betrachtung stand.

Die blitzende Klinge eines Messers könnte Meursault irritiert haben. Dazu kommen Ehrenhändel rund um eine gedemütigte Prostituierte. Unter dem Strich bleibt eine Schuld bestehen, für die Meursault, der traurige, antriebsarme "Held", nicht ohne weiteres bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Der Fremde ist der vielleicht berühmteste Roman des Existenzialismus. In ihm findet Albert Camus' Philosophie des Absurden ihren restlos komprimierten Ausdruck. Der plötzliche Tod am Strand enthält nicht den geringsten Hinweis auf das Opfer. Die Tat ist ebenso singulär wie sinnlos. Möglich erscheint sie nur vor dem Hintergrund der kolonialistischen Sprachregelung, wonach ein "Araber" eben ein anonymer "Araber" ist, nichts sonst.

Der algerische Autor Kamel Daoud rollt den Fall Meursault in seinem gleichnamigen Buch neu auf, zugleich trägt der kleine Roman den Untertitel "eine Gegendarstellung". Die Überschrift dieses Anti-Camus führt komplett in die Irre, denn es geht gerade nicht darum, Meursault, dem Mann ohne Mitgefühl, erneut den Prozess zu machen.

Daouds Kunstkniff ist raffinierter. Moussa soll der mit fünf Kugeln Niedergestreckte geheißen haben. Der das erzählt, ist gerade nicht der vertrauenswürdigste Chronist. Gewiss, Haroun ist ein alter Algerier. Er ist von Algier nach Oran übersiedelt und setzt sich als Altersalkoholiker über die Gebote islamischer Lebensführung mit hemmungsloser Geschwätzigkeit hinweg.

Vor allem aber ist Haroun der leibliche Bruder Moussas. Er möchte dem Ermordeten dessen Würde zurückerstatten. Er tut dies nach eigenem Bekenntnis in der Sprache des Arabischen, geschrieben von "rechts nach links". Camus' Rede war anmaßend. Die wunderbare Ökonomie ihrer Prosa verdankte sich der verhängnisvollen Ausblendung des oder der "Anderen".

Haroun redet sich um Kopf und Kragen. Ein junger Zuhörer ist aus Paris erschienen, um den Mantel des Schweigens zu lüften, der über Moussas Existenz gebreitet ist. Die erste Seltsamkeit des verblüffenden Textes betrifft denn auch den Status der Fiktionalität. Camus' Buch wird von den "Hinterbliebenen" allen Ernstes als Erlebnisbericht angesehen. Es scheint, als ob Meursault seiner Hinrichtung nur entronnen ist, um unter dem Autorennamen Camus seinen eigenen Fall in einem gestochen scharf geschriebenen Buch niederzulegen.

Wir erfahren, wie der Tod des namenlosen Arabers eine kleine, obendrein vaterlose Familie in den Abgrund stürzt. Harouns sprachlose Mutter kann das Verschwinden ihres Erstgeborenen kaum verwinden. Also drückt sie Haroun die Luft zum Leben ab.

Es geht nicht so sehr um den Tathergang. Enthüllt wird eine Katastrophe, die von der absoluten Setzung einer Fiktion provoziert wird. 70 Jahre sind vergangen. Algerien hat 1962 seine Freiheit wiedererlangt, und unser Erzähler möchte nachträglich in den Kreis der Täter aufgenommen werden. Er streckt in erstaunlicher Komplementarität einen Franzosen nieder: Es ist zwei Uhr nachts im Sommer '62, das Mondlicht entblößt die weiße Hautfarbe des Kolonialherren. Wiederum fühlt sich der Mörder von seiner im Affekt begangenen Tat seltsam unbetroffen. Die Parallelen zu Meursaults Verbrechen sind geisterhaft, vor allem aber erscheinen sie wenig glaubwürdig.

Daouds Buch ist eine erstaunliche Gespenstersonate. Dass sie ihrem klugen Autor jede Menge Ärger, darunter einen Fatwa-Spruch, eingetragen hat, liegt nicht so sehr an der Kritik, die erstaunlich freimütig an der algerischen Lebenswirklichkeit geübt wird. Daouds Polemik zielt tiefer. Sie richtet sich gegen den Status einer Realität, in der die Satzungen der Intoleranz ein Zusammenleben auf Augenhöhe unmöglich machen. Was aber bleibt, stiften Dichter wie Camus oder Daoud. (Ronald Pohl, 11.3.2016)

Kamel Daoud: "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung". Roman. Aus dem Französischen von Claus Josten. 200 Seiten, 17,99 Euro. Kiepenheuer & Witsch 2016.

  • Kamel Daoud (45): wird von Salafisten bedroht.
    foto: apa/afp/thomas samson

    Kamel Daoud (45): wird von Salafisten bedroht.

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