Teilweise Teilwaise: Wenn der Vater oft weg ist

Kolumne13. März 2016, 17:00
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Wenn ein Elternteil wenig da ist, stellt sich für den verbleibenden die Frage: Wann brauchen Kinder Erziehung, wann Fürsorge?

Frage:

Unser Sohn ist drei Jahre alt und musste im letzten Jahr einige große Veränderungen miterleben. Ich könnte nun etwas Hilfe gebrauchen, wie wir weitermachen sollen. Wir leben im Ausland und haben kaum Hilfe mit unseren Kindern. Mein Mann muss beruflich oft weg, manchmal mehrere Monate lang. Ich habe den Eindruck, dass das unserem Sohn große Sorgen bereitet und er auch Angst hat, mich zu verlieren. Mein Hauptproblem ist im Moment, dass mein Mann bald wieder für vier Monate wegmuss und wir seit kurzem Nachwuchs, einen kleinen Buben, haben. Mein Älterer erfährt nun, dass seine Mutter wegen seines kleinen Bruders wenig Zeit für ihn hat und dass sein Vater für längere Zeit nicht da sein wird.

Seitdem er weiß, dass sein Vater unterwegs sein wird, ist er sehr aggressiv. Er schlägt, tritt und schreit. Es gibt keinen Tag ohne mehrere Auseinandersetzungen zwischen uns. Er ist ein wunderbarer großer Bruder und sehr lieb zu dem Kleinen. Wenn er mit anderen Kindern spielt, ist er aggressiver als vorher. Auch anderen Erwachsenen gegenüber ist er das. Tatsache ist, dass er mir einfach nicht zuhört, aber trotzdem nach Aufmerksamkeit verlangt. Ich versuche sein negatives Verhalten zu ignorieren und mich auf die positiven Momente zu konzentrieren. Dabei habe ich das Gefühl, dass er lieber die Aufmerksamkeit auf die Dinge hätte, die er falsch macht, anstatt die guten Zeiten zu genießen.

Mir steht das Wasser bis zum Hals, und ich kämpfe mit so vielen anderen Aufgaben, die zu erledigen sind. Wenn ich dann endlich Zeit für ihn habe, will er nicht mit mir spielen. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun kann, um seinen Kummer zu lindern. Er spricht noch nicht so gut, weil er mehrsprachig aufgewachsen ist, aber er weiß, dass ich alles verstehe, was er sagt. Wie kann ich ihm verständlich machen, dass wir beide unser Verhalten ändern müssen, damit es uns miteinander wieder gut geht?

Gibt es irgendeinen Weg, wie ich mehr Schmerz oder gar ein Langzeittrauma verhindern kann? Ich bin etwas verzweifelt.


Antwort:

Zu Beginn möchte ich anmerken, dass es für ein Langzeittrauma im Moment keinen Grund gibt. Das würde nur dann passieren, wenn Ihr Sohn für sein derzeitiges Verhalten bestraft würde. Oder wenn Sie zu einer pädagogischen Maßnahme greifen würden, die darauf abzielt, dass er lieb und nett sein muss, und ihm das Recht absprechen, sich so zu fühlen, wie er sich gerade fühlt.

Dennoch gibt es wichtige Dinge, die Sie beachten sollten – und die eventuell mehr Energie beanspruchen, als sie derzeit haben. Ich gehe davon aus, dass Sie zu Beginn der Beziehung mit Ihrem Mann wussten, dass seine Arbeit viele Reisen und Umzüge und Ähnliches verlangt. Ich stelle mir auch vor, dass Sie damals nicht sehr intensiv nach Ihren eigenen inneren Echos gesucht haben, die damit verbunden sind, wie Schmerz, Trauer, Versagensgefühle, Einsamkeit und Wut – Gefühlen, die das rationale Denken, Ihre Liebe und Ihr intellektuelles Handeln die meiste Zeit verlangsamen oder gar völlig ausblenden. Hinzu kommt, dass Ihr Mann und Sie starke, unabhängige Persönlichkeiten sind, die daran gewöhnt sind, sich um vieles zu kümmern.

Auch Ihr Sohn hat all diese Gefühle, aber weder den Überblick noch den Intellekt, die Stärke und Rationalität, die ihm helfen würden. Er hat nur Sie, und auch das nur mit der halben oder noch weniger Kapazität, während er wütend und aufgebracht ist. Er weiß einfach nicht, wie er alleine damit fertigwerden soll.

Die Realität eingestehen

Er muss sich mit der Tatsache anfreunden, dass er Teilwaise ist. Und sie müssen sich eingestehen, eine Alleinerzieherin zu sein. Es ist notwendig, sich mit vielen Emotionen auseinanderzusetzen, auch mit einigen, die von Ihrem Mann übernommen werden müssen. Die zwei wichtigsten sind Ihre Sorge um Ihren Sohn und Ihre wachsende Beziehung zu ihm und auch die Beziehung Ihres Sohnes zu seinem Vater.

In der Sorge um Ihren Sohn braucht es zwei Qualitäten besonders: Ihre Ehrlichkeit und Authentizität und das Verhalten, das es ihm möglich ist, beides anzunehmen. Sie müssen seinen Schmerz und seine Wut erkennen, anerkennen und akzeptieren, während Sie ab und zu ausdrücken, dass es auch für Sie schwer ist ohne Ihren Ehemann. Besonders dann, wenn Sie ihn am meisten brauchen. Sie können Ihrem Sohn erklären, dass die Reisen nicht gegen ihn sind, sondern wichtig für die Arbeit seines Vaters. Sagen Sie das aber nicht, um das Verständnis Ihres Sohnes zu bekommen, oder mit der Absicht, dass er sich dadurch weniger unfair oder ungeliebt behandelt fühlt.

Fürsorge statt Erziehung

Sie schreiben, dass Ihr Sohn Ihnen nicht zuhört, aber doch Aufmerksamkeit haben möchte. Auch dass Sie versuchen, sein negatives Verhalten zu ignorieren. Das ist ein großes Missverständnis: Denn sein Verhalten ist weder negativ noch positiv. Vielmehr ist es so, dass er nur auf diese Weise sein inneres emotionales Chaos ausdrücken kann.

Seine Gefühle sind gesund und fundiert. Er wäre in größerer Gefahr, wenn er diese Gefühle nach innen wenden würde. Er will nicht Ihre negative Aufmerksamkeit für sein Verhalten, sondern Ihre konstruktive Aufmerksamkeit für seine echten Gefühlen. Oft wählen Kinder negative Ausdrucksformen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, weil sie die Erfahrung machen mussten, dass Erwachsene auf diese eher reagieren als auf ihre Existenz. Ihr Sohn steckt in einer Krise und braucht Fürsorge und keine Erziehung.

Ihr Mann hat sich entschieden, für mehrere Monate zu verreisen – das ist eine unglaublich lange Zeit für ein dreijähriges Kind. Un es kommt in einer für das Familienleben kritischen Phase und zu einer Zeit, in der sein Sohn ihn wirklich braucht. Das ist nur meine Beobachtung – und keine Anklage.

Es zeigt sich, dass die Beziehung Ihres Sohnes zu seinem Vater wichtiger ist, als Sie geglaubt haben. Sein Vertrauen in seinen Vater wird nun auf eine entscheidende Probe gestellt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Sie mit Ihrem Mann darüber sprechen. Und dass die beiden so viel wie möglich am Telefon und über Webkamera kommunizieren können. Wenn ihr Mann nachhause kommt, muss er nicht so tun, als ob alles wieder in Ordnung ist, nur weil er wieder da ist. Er muss die Verantwortung für sein Versagen übernehmen und, wenn das möglich ist, sollte er zumindest acht bis zehn Monate nicht auf Reisen gehen, die länger als ein paar Tage dauern.

Dilemma ohne Ausweg

Wenn das aus einem beruflichen oder persönlichen Grund nicht möglich ist, wird es für alle in einem schmerzvollen Dilemma ohne Ausweg enden. Der Spruch "Damit musst du leben" bedeutet ja auch "Am Leben in diesem Zustand zu bleiben". Die Familie muss sich darauf vorbereiten, viele sich ändernde Emotionen mit den unterschiedlichsten Ausdrucksformen unterzubringen. In so einer Familie zu leben ist emotional anstrengend, aber es ist nichts, das seelischen Schaden anrichtet. (Jesper Juul, 13.3.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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