Die leeren Augen vom Bahnhof Belgrad

Blog13. März 2016, 15:00
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Werner, Du hast weder den Mut noch das Format, gegen des Volkes Maul Rede zu führen. Ein Wutbrief

Freundschaft, Werner!

Als Sozialdemokrat ohne Parteibuch erlaube ich mir, mich für Dich und die österreichische Sozialdemokratie zu schämen, und zwar auf dem Bahnhof von Belgrad, wo ich mich so sehr schäme, dass ich nicht einmal Fotos mache. Auf diesen nicht gemachten Fotos sieht man Menschen mit leeren Augen. Und würde Scham Schmerzen verursachen, dann würde ich jetzt immer noch schreien.

Ja, sicher! Es geht um "die Flüchtlinge". Wie schön, dass man so ein Wort parat hat. Das deckt ab – und macht so was Unangenehmes wie leere Kinderaugen auf einem kalten, schmutzigen Bahnhof rosarot unsichtbar. Da gibt es aber noch ein anderes Wort. Ein antikes Wort. Eines, das fast in Vergessenheit geraten ist. Besonders in der österreichischen Sozialdemokratie. Es ist das Wort "Solidarität". Früher, als Sozialdemokraten noch Brüder waren und zur Sonne strebten, war es ein zentraler Begriff. Auf die Fahnen geheftet, wie man so schön sagt. Nu? Wo ist sie jetzt? Werner? Die Solidarität?

Während Du darüber nachdenkst, Werner, wo die Solidarität nur abgeblieben sein könnte, will ich Dir sagen, dass ich Dich durchaus verstehe. Ich weiß, warum Du sagst, was Du sagst. Über diese "die Flüchtlinge" genannten Kinder, Frauen und Männer. Es ist einfach: Werner, Du hast weder den Mut noch das Format, gegen des Volkes Maul Rede zu führen. Leider bist Du nur ein Politiker. Und der Flüchtling Bruno, besagter Kreisky – Du erinnerst Dich an ihn? –, ist zu Lebzeiten ein Staatsmann. Das ist mehr, als nur Politiker zu sein. Man wird Staatsmann, wenn man als Politiker das Richtige sagt, dem Gesagten die richtige Tat folgen lässt, selbst wenn "das Volk" einen auspfeift und ausbuht. Also redest Du von "Obergrenzen" und verkaufst sie als Zeichen guten Willens.

Dass eine gläubige Protestantin zu sagen wagt und mutig darauf beharrt, was Du als Sozialdemokrat sagen solltest, ist hingegen amüsant. Und amüsant ist es, weil die gläubige Protestantin ihre Solidarität aus dem Opium des Volkes bezieht. Du hingegen, Werner, bist taub für die Seufzer der bedrängten Kreatur, Du scheinst eins zu sein mit dem Gemüt einer herzlosen Welt, Deine Inspiration entstammt dem Geist geistloser Zustände. Leider.

Ich hab' noch vergessen, Dir Blindheit zu unterstellen. Vergib mir. Aber das ist schnell nachgeholt: Blind bist Du, Werner, für die Chance, die Europa gerade hat. Es ist die Chance, einer Generation junger Muslime zu zeigen, dass wir keine Kreuzfahrer mehr sind, sondern Humanisten. Das zahlt sich langfristig aus, aber das siehst Du nicht. Dein Horizont ist die nächste Wahl. Deine Solidarität gilt ausschließlich dem Wahlbarometer, der Hochrechnung am Wahltag und dem Wahlergebnis, gegossen in die Anzahl der Mandate im Parlament.

Na gut! Es ist wahr: Österreich kann nicht allen Flüchtlingen helfen. Aber Europa kann es. Es ist reich genug dafür. Und selbst wenn Geld fehlen sollte – ist nicht gerade Geld so billig wie noch nie? Eine andere Wahrheit: Unter den Flüchtlingen sind auch Jihadisten, Kriegsverbrecher, Mörder und Diebe. Aber sie werden gefunden und verhaftet. Auch unter den Flüchtlingen des Krieges in Ex-Jugoslawien waren solche dabei – und wir haben es ausgehalten. Außerdem sind die meisten Jihadisten in Österreich keine Flüchtlinge, sondern Österreicher, die aus dem Jihad in Syrien längst zurückgekehrt sind – und beobachtet werden.

Ich denke oft, Bruno, der Staatsmann, wäre an Deiner Stelle mit der deutschen Protestantin und Staatsfrau solidarisch. Wissend, dass eine Achse Wien–Berlin die steinernen Herzen Deiner Kollegen im Amt zermahlen kann – und würde. Doch Du heulst lieber mit im Chor der Herzlosen. Das ist ja sicherer. Wohlig und warm zudem. Die Protestantin lässt Du im Wind stehen.

So wie die Kinder, Frauen und Männer auf dem kalten, schmutzigen Bahnhof von Belgrad.

Ach! Fast hätte ich vergessen, Dir auch noch politische Dummheit zu unterstellen: Obergrenzen, Mauern und Zäune halten nur Kinder, Frauen und Alte auf. Doch junge, zornige Männer klettern über jeden Zaun und jede Mauer. Und Obergrenzen sind ihnen egal. So wie Dir die Solidarität.

Passende Fotos wird die Redaktion schon finden. Ich hab' sie im Kopf – und werde sie nicht mehr los. (Bogumil Balkansky, 13.3.2016)

  • Auf dem Belgrader Bahnhof war schon länger kein Agenturfotograf mehr. Dieses aktuelle Foto stammt aus dem Flüchtlingstransitlager in Šid an der serbisch-kroatischen Grenze.
    foto: darrin zammit lupi/reuters

    Auf dem Belgrader Bahnhof war schon länger kein Agenturfotograf mehr. Dieses aktuelle Foto stammt aus dem Flüchtlingstransitlager in Šid an der serbisch-kroatischen Grenze.

  • Dieses Foto vom Belgrader Bahnhof wurde am 21. Juli 2015 aufgenommen.
    foto: apa/epa/koca sulejmanovic

    Dieses Foto vom Belgrader Bahnhof wurde am 21. Juli 2015 aufgenommen.

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