Ich würde jede Wohnung zur Arbeitsstätte machen

14. März 2016, 05:30
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Sonia Zimmermanns Holzstadel hat einen Kern aus Beton

Sonia Zimmermanns Holzstadel hat einen Kern aus Beton. In dem ungewöhnlichen Gebäude in Lech lebt und arbeitet sie. Für die Modedesignerin gehören Arbeiten und Wohnen unbedingt zusammen.

"Ich wohne in einem ausgebauten Stall mit Blick auf den Rüfikopf in Lech. Eigentlich ist der Stall nur eine Hülle. Würde man die wegnehmen, stünde da ein Haus aus Beton. Es ist luftig, hell, bietet wunderbare Ausblicke, obwohl es von außen verschlossen wirkt. Das Haus Rüfikopf, zu dem der Stall gehört, war ursprünglich das Bauernhaus meiner Großeltern. Meine Eltern haben eine Pension daraus gemacht, später ein Apartmenthaus. Meine Schwester und ich haben dann den Stall geerbt und umgebaut.

foto: christian grass
Im Dachgeschoß ihres ausgebauten Wohnstalls, umgeben von Arbeitsmaterialien, entwirft die Lecher Designerin Sonia Zimmermann die Kollektionen für ihre "Mode vom Berg".

Ich lebe nun mitten im Familienweiler, alle Nachbarn sind Verwandte. Am Anfang war das ein bisschen viel Kontrolle. Inzwischen sehe ich das locker: Mir kann nichts passieren, man schaut auf mich. Ich lebe das ganze Jahr über in Lech. Die Umgebung – die Berge, die Kälte, der Schnee sind wesentliche Inspirationsquellen für meine Kollektionen. Und die Menschen mit ihrer Geschichte. Kürzlich hab ich bei meinen Eltern historische Fotografien angeschaut und bin draufgekommen, dass viele der Gewänder, die man auf den Fotos sieht, in abgewandelter Form in meinem Geschäft hängen. Das war mir nie bewusst.

Arbeiten und Wohnen gehören für mich zusammen, das ganze Dachgeschoß ist mein Atelier. Im Pyjama in die Werkstatt gehen, anfangen, wann ich Lust habe, das ist schon fast luxuriös. Wahrscheinlich würde ich jede Wohnung zu einer Arbeitsstätte umfunktionieren. So lebe ich umgeben von den ganzen Materialien, die ich für meine Entwürfe brauche. Dadurch entstehen ständig neue Ideen.

Wolle, eines meiner Hauptmaterialien, hat mich schon als Kind fasziniert. Zum fünften Geburtstag hat mir eine Tante Wolle und Stricknadeln geschenkt. Da habe ich wie besessen zu stricken begonnen, mir Objekte ausgedacht. Wolle kommt in meinem Haus in jedem Raum vor. Beispielsweise in Form von bunten Filzstreifen als Sichtschutz vor den großen Fenstern. Ich mag am Filz die Wärme, die er vermittelt. Meine Wohnung strahlt Geborgenheit aus. Kinder lieben diese Wohnung total, sie sei wie eine Höhle. Das empfinde ich ähnlich, man kann sich wunderbar zurückziehen.

Anderseits wirkt das Haus aber sehr lebendig, auch lustig. Wahrscheinlich wegen der Farben. Ich liebe Farben, ohne Farben könnte ich nicht leben. Rottöne lassen meine Wohnung leuchten. Ganz wichtig ist für mich der offene Koch-Ess-Wohnraum. Kochen ist für mich etwas Kommunikatives, ich muss beim Kochen mit den Gästen reden können.

Am großen Esstisch haben mindestens zehn Leute Platz. Ich hab immer geglaubt, ich werde einmal andere Stühle kaufen. Es sind immer noch die gleichen wie vor 30 Jahren, nur die Farben haben sie öfter gewechselt. Inzwischen denk ich mir, ich werde nie andere Stühle haben.

Meine Lieblingsstücke sind der alte Bügeltisch meiner Tante und natürlich der Fußballtisch, den hab ich mir immer gewünscht. Als einer in der Lecher Fundgrube inseriert war, musste ich ihn sofort haben. Der schöne Buller-Ofen wärmt das Erdgeschoß, sonst wird mit Lecher Fernwärme geheizt. Würde ich noch einmal bauen, würde ich mehr auf das Energiesparen achten. Und mehr Holz verwenden. Die Holzbalken mögen übrigens auch sämtliche Katzen aus der Nachbarschaft. Sie klettern die Balken hinauf, machen sich's dort bequem und ignorieren völlig, dass ich keine Katzenfreundin bin.

Einen Wohntraum hätte ich, vielleicht als Kontrast zu meinem Leben hier: Ich würde gerne mit einem Wohnmobil die Welt entdecken." (14.3.2016)

Sonia Zimmermann, geboren 1964 in Lustenau, aufgewachsen in Lech am Arlberg, lebt und arbeitet im Wintersportort. Nach Ausbildungsjahren in Mailand und Wien (Werbegestaltung) kehrte sie nach Lech zurück und machte sich mit 25 Jahren selbstständig. 1999 gründete sie ihr Label Lenai und Linai. Ihre eigenwillige Modekollektion ist im gleichnamigen Laden im Ortszentrum zu finden. Zimmermanns Kleider und Accessoires werden in Vorarlberg entworfen und gefertigt, die Stoffe für die alpine Mode-Manufaktur kommen fast zur Gänze aus Österreich.

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Lenai und Linai

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