Julya Rabinowich: Lendenfrüchte und Gedankenkinder

11. März 2016, 15:25
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Eine Arbeit zu veröffentlichen ist auch ein bisschen wie Kinderkriegen

Wenn man beschlossen hat, sein Leben mit dem Schreiben zuzubringen, flutet dieses Leben fortan zwischen den Gezeiten der Buchveröffentlichungen.

Ersehnte und gefürchtete Aufmerksamkeit und ersehnter und gefürchteter Rückzug wechseln einander ab wie Ebbe und Flut, und der Ruf der lockenden Meerjungfrauen tönt ganz besonders süß, wenn man sich gerade eingesperrt und sich Klausur verordnet hat.

Da entdecken plötzlich alle vorher so mehrmals wie zwecklos angefragten Freunde das dringendste Bedürfnis, aber jetzt! endlich auf einen Kaffee zu gehen. Ja, schön wäre es. Man sitzt nun aber hoffnungslos fest mit seinen vier Buchstaben auf allen jenen, die noch ins Buch sollen. Und wenn man sie endlich alle drin und die Lektorin das Produkt fertiggerupft und in die Panier geworfen hat, dann fängt der nächste Albtraum an.

Eine Arbeit zu veröffentlichen ist auch ein bisschen wie Kinderkriegen. Mit dem kleinen Unterschied, dass man beim Kind (meist) weder Geschlecht noch Aussehen noch Charakter kennt. Aber die Angstfreude vor der ersten Begegnung ist ähnlich, die Sorge, wie sich das Kind wohl so tun wird in der großen, weiten Welt. Auch das Zusehen, wie es sich unerbittlich von einem entfernt, jeden Tag ein wenig mehr. Und während man schon mit dem nächsten Kind beschäftigt ist, irrlichtert noch irgendwo im Hinterkopf die Sorge, das vorangegangene könnte noch einen Blödsinn machen, weil man das Augenmerk gerade nicht drauf hat.

Eine Arbeit zu veröffentlichen ist gleichzeitig natürlich überhaupt nicht wie Kinderkriegen. Der Prozess des Miteinanders ist abgeschlossen. Man hat mit seinen Engeln gekämpft und ihren Segen errungen. Oder auch nicht. Mit den Dämonen ringt man sowieso, die gibt's zu jeder kreativen Arbeit günstig im Doppelpack.

Alles, was einen am Thema gefesselt, abgestoßen, berührt hat, ist nun zwischen zwei Buchdeckeln gefangen und beschützt. Die erste Begegnung mit dem Ergebnis werden nun andere machen. Man rätselt, wie diese Begegnung wohl ausfallen wird. Das ist der Moment, in dem klar wird, dass Veröffentlichen doch genauso ist wie Kinderkriegen. Spätestens, wenn die Lendenfrüchte ausziehen. (Julya Rabinowich, 11.3.2016)

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