Julya Rabinowich: Kokoschka, Dresden, 1918

12. März 2016, 17:00
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Verstrickungen, Verrat und Genie: Alma Mahler, Oskar Kokoschka und Paul Kammerer sind die Protagonisten im neuen Roman "Krötenliebe"

Er legte den Pinsel aus der Hand. Das Geräusch von Holz des Stiels auf dem Holz der Palette. Der Pinsel rollte auf der schief gestellten Oberfläche hin und her, bis er an einem noch feuchten Farbklumpen ankam. Finger in nachtblauem Ölfilm. Wenn er sich nach längerer Pause wieder seiner Arbeit zuwandte, würde er den Pinsel nicht mehr aus der Farbumklammerung lösen können. Es war ihm egal.

Er machte aus Gewohnheit ein paar Schritte zurück, weg von seiner Arbeit, um die Staffelei in ihrer Gesamtheit wahrnehmen zu können. Es ist trügerisch, sich auf die Euphorie zu verlassen, die ein kleines Stückchen Leinwand zu entfesseln vermag, dieser Ausschnitt, den man in diesem Augenblick für gelungen, ja für genial hält, der aber nach dem Einfügen ins große Ganze nicht bestehen kann. So ist es mit jeder Leidenschaft, warum also nicht auch mit der Malerei, würde Alma wohl sagen. Würde sie das?, fragte er sich. Die rechte Ecke des Bildes schwebte in weißer Leere, von vorgezeichneten Linien der Kohle getragen. Das blaue Kleid, das die Frauenfigur in der Mitte trug, umhüllte den geisterhaften Umriss eines unfertigen Körpers. Die Hülle sollte das Innere erst definieren. Er war unentschlossen. Die Finger in den Kittel gekrallt, stand er da, spürte die Klebrigkeit auf seiner Haut, atmete den intensiven Geruch der Ölfarbe ein, der ihn nach mehreren Stunden schwindeln machte, wie eine Droge, bewusst in Kauf genommen mit all ihren Nebenwirkungen. Dieser Schwindel ist bereits auf einige Bildnisse übertragen: in Form von ineinander verschlungenen Farbschlieren, Hautpartikeln, gewundenen Körpern, fließendem Haar. Seit dem im Krieg erlittenen Kopfschuss litt er immer wieder an heftigen Schwindelanfällen.

Er drehte sich leicht zur Seite, griff nach der gewundenen Lehne des Stuhls aus gebeiztem Holz, um Halt zu finden. Thonet-Stühle seiner Mutter. Thonet-Stühle, hatte Romana Kokoschka vor langer Zeit gesagt, wären für sein Wiener Atelier gerade gut genug. "Du kannst mit deinen Besuchern gemütlich sitzen", hatte sie gesagt. Davor hatte sie allerdings noch damit gedroht, Alma zu ermorden, wenn sie ihn nicht in Ruhe ließe. Alma hatte ihm empört berichtet, dass seine Mutter vor ihrem Fenster auf und ab gegangen sei. Eine Hand auffällig in der Manteltasche bewegend – und Alma, die sich hinter einer Gardine versteckte, bedeutungsschwangere Blicke zuwerfend. Es nützte nichts.

"Was sagst du, Almi?"

Die Möbelstücke hatte er dennoch behalten. Gemütlich sitzen. Als ob es darum ginge. Gemütlich! Sitzen! Keine Zeit, keine Zeit dafür. Die Zeit läuft, sie galoppiert, trägt einen davon wie der Rücken eines Pferdes, geradewegs in feindliche Bajonettspitzen hinein, aber man schließt dennoch die Augen und will glauben, Held zu sein, ein fremdbestimmter tragischer Held. Ein Pferd, das er noch nicht erworben hatte, noch nicht erwerben konnte, das Geld fehlte vorläufig. Seine Mutter betete im ersten Kriegsjahr, dass dieses Geld niemals zusammenkommen würde, sie hoffte immer noch auf seine Vernunft, wie jede Mutter wollte sie ihren Sohn nicht zum Kriegsanbruch an der Front sehen, auch nicht als feinen Dragoner hoch zu Ross.

"Was sagst du, Almi?", fragte er, zu der Gestalt gewandt, die hinter der Staffelei auf einem Sofa voller Samtkissen ruhte, ein fülliges helles Bein über das andere, den Kaftan aus Brokat neckisch zurückgeschlagen. Er drehte die Staffelei vorsichtig zu ihr hin.

Die Antwort blieb aus.

Er hielt kurz inne, als ob er noch auf Antwort warten würde. Riss sich dann ungeduldig den Kittel herunter, wühlte seine Hände erneut hinein, wischte Farbreste von seinen Fingerkuppen. Warf den Kittel zur Seite. Er ging auf sie zu, streckte vorsichtig den Arm nach dem hohen, runden Busen, der aus dem Halsausschnitt ragte, aus.

Schon die erste Berührung entzauberte den Augenblick vollständig. Seine Finger glitten über mondhellen Plüsch. Die Augen der Puppe blickten durch ihn hindurch. Er umklammerte sie, zwang seine Zunge zwischen ihre halb geöffneten aufdringlich rosa Lippen, schmeckte von seinem Speichel aufgeweichten Stoff, dem seine Wärme vorübergehend eigene Temperatur verliehen hatte, ein Fremdkörper in seinem Mund. Ihre Lippen zerfaserten. Er spuckte noch lange nach dieser uneleganten Annäherung kleine Stoffflusen auf den Atelierboden. Er fluchte dabei, die Flüche drangen zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, er hätte sie am liebsten ebenfalls auf die von Farbflecken übersäten Dielenbretter gespien. Er biss hasserfüllt in ihr Gesicht. Sie fiel auf das Sofa zurück und kippte langsam und lächelnd zwischen die Kissen, rutschte die Wand entlang, blieb mit lächerlich weggebogenem Arm liegen, die Beine immer noch wie eine Brezel ineinander verschränkt, so, wie er sie vor dem Beginn der Sitzung fixiert hatte.

"Du unnützes Samtloch", sagte er zu ihr und drehte sich weg, "du Kröte, du elendige!"

Die Puppe lächelte huldvoll

Nachdem das Dienstmädchen die Puppe in feierlicher Aufmachung zum Tisch gesetzt hatte, stand er auf, verbeugte sich und schob fürsorglich den Teller zu ihr hinüber. Die Puppe lächelte huldvoll, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Das frisierte Haar fiel in Wellen auf die Schultern. Auf dem Tisch dampfte ein goldbraun gebackenes Huhn in einer Porzellanschüssel mit geschwungenen Griffen. Daneben stand eine kleinere mit einem großen Silberlöffel, versenkt in Kartoffelsalat mit Speckwürfelchen. Er goss sich Wein aus der Karaffe ein, füllte auch ihr geschliffenes Weinglas und äffte ihre Kopfbewegung nach. Seine Haare standen wirr vom Kopf ab, waren noch feucht, er hatte sich gerade erst gebadet. Der Docht der Kerze knisterte. Sonst war es vollkommen still. Das Dienstmädchen namens Reserl bewegte sich lautlos in die Richtung des Ganges, der in die Küche führte. Sie trug feine Hausschuhe, die er ihr gekauft hatte -gerührt von der Zartheit, mit der sie mit der Puppe umging, der Vorsicht, mit der sie den Tisch deckte. Von den aufmerksamen Blicken, die oft auf seinem Gesicht ruhten, aber auch recht oft auf seinen Werken.

"Auf uns, meine Beste", sagte er und berührte ihr Glas mit seinem. Die Gläser klirrten leise, die Bewegung war zögerlich gewesen. Reserl seufzte als Echo des Gläserklirrens in der Küche.

"Nun komm schon her", rief er, "Madame hat keinen Appetit."

In der Nacht schreckte er auf dem Sofa im Atelier auf. Es roch immer noch nach Farbe. Das Zimmer schwankte. Er fror. Die Decke lag auf dem Boden, er hatte sie wohl in unruhigem Schlaf abgestreift. Die Kerze auf dem Stuhl neben ihm war abgebrannt. Seine Mutter würde die dicken Wachsflecken auf ihren Thonet-Stühlen erst in mehreren Wochen zu Gesicht bekommen. Die Streichholzschachtel daneben war leer. Unter dem Fenster entfernten sich Schritte rasch. Jemand lief. Jemand schrie.

Eine betrunkene Stimme, mehrere, vielleicht ein Streit unter Saufbrüdern. Sein Herz raste. Er griff nicht an seine Brust, hinter der es flatterte und gegen die Rippen stieß. Er griff neben sich, im Halbdunkel konnte man fast nichts erkennen, aber er wusste, dass sie da war, er griff nach ihrer Schulter, tastete Seide, und nachdem seine Hand ihrem Arm gefolgt war, dorthin, wo das Nachthemd aufhörte, den sanften Plüsch ihrer Hand. Dann war er ganz wach und ließ die Stoffhand fallen. Sie fiel wie Gliedmaßen von Bewusstlosen. Er war nicht in Wien. Er war in Dresden. (Julya Rabinowich, Album, 11.3.2016)

Julya Rabinowich liest mit Markus Meyer aus "Krötenliebe" am 14. 3. im Burgtheater Vestibül und am 15. 3. im Literaturhaus Salzburg.

  • Rabinowich schreibt über die größte Femme  fatale des 20. Jahrhunderts und ihren Gefährten Kokoschka: "Er griff neben sich, im Halbdunkel konnte man fast nichts erkennen, aber er wusste, dass sie da war ..."
    foto: heribert corn

    Rabinowich schreibt über die größte Femme fatale des 20. Jahrhunderts und ihren Gefährten Kokoschka: "Er griff neben sich, im Halbdunkel konnte man fast nichts erkennen, aber er wusste, dass sie da war ..."


  • Julya Rabinowich, "Krötenliebe".  Roman, € 20,50 / 188 Seiten. Deuticke, Wien 2016.
    cover: deuticke

    Julya Rabinowich, "Krötenliebe". Roman, € 20,50 / 188 Seiten. Deuticke, Wien 2016.

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