Roland Schimmelpfennig: Ein streunender Wolf in Berlin

17. März 2016, 13:44
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Krimi ohne Verbrechen: Der Theaterautor hat seinen ersten Roman geschrieben

Es passieren viele schlimme Dinge in diesem Berlin-Roman. Und dabei haben die Menschen am Ende meist noch Glück gehabt. Das Leben in einer Großstadt des 21. Jahrhunderts mit all den Begehrlichkeiten eigennützig geprägter Menschen birgt nun einmal seine Risiken. Man muss es eingestehen, Roland Schimmelpfennigs Romanerstling ist ein finsteres Buch. Eingehüllt vom schwachen Licht und der Dumpfheit der kalten Jahreszeit, führt es Biografien aus Berlin und seinem Umland zusammen. Mit Orten wie Vierlinden bei Seelow oder Falkenhagen in Berkenbrück macht man hier Bekanntschaft.

Nicht schwermütig ist der Roman, aber ernst und karg, null Ironie. Kein Wort zu viel, blanke Prosa, die sich nirgends ambitioniert kräuselt, ja, die sogar entgegen jeder Stilschule vor Eins-zu-eins-Wiederholungen nicht zurückschreckt. Theatral im Prosadebüt des Dramatikers bleibt nur der Romantitel selbst: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die ersten Worte des Buches.

Zwei frustrierte Jugendliche fliehen zu Fuß in die Großstadt, sie finden am Weg durch den Wald ein Gewehr und einen toten Jäger; der alkoholkranke Vater des Burschen folgt ihrer Fährte. Man könnte aber genauso gut so erzählen: Zwei Tanklastwagen explodieren 70 Kilometer vor Berlin. Thomas steht nach einer langen Fahrt, aus Polen kommend, müde im Stau und blickt im Schein des entfernten Feuerballs, während er mit seiner Freundin Agnieszka telefoniert, am Fahrbahnrand einem Wolf in die Augen.

Umfängliches Figurenpersonal

In einem Abbruchhaus, in einer Bar, einer Villa, einem Krankenhaus, einer Kunstgalerie usw. kreuzen sich in weiterer Folge meist unbewusst die Wege des umfänglichen Figurenpersonals, zu dem mindestens noch die Kioskbetreiber Charly und Jacky, die Mutter des Mädchens, eine Jungjournalistin oder ein zu Ruhm gelangter Künstler gehören. Bis vier Seiten vor Schluss werden neue Charaktere eingeführt.

Nacherzählbar ist der Roman nicht wirklich, denn alle Episoden sind gleichwertig verflochten zu einem Kosmos der unscheinbaren Dinge, die nur für den Einzelnen besondere Bedeutung haben. Alt und Jung, Reich und Arm, Aus- und Inländer, Familien und Einzelgänger, Städter und Provinzler: Alle bilden sie hier ein Bevölkerungsnetz ab, ein Bild des Zusammengehörens, auch wenn dieses natürlich nicht immer funktioniert. Darin mag man das Anliegen des Buches erkennen: Wir hängen alle in einem Netz, wir sollten aufeinander schauen.

Der Dramatiker Schimmelpfennig, vielgespielt wie kein zweiter lebender deutschsprachiger Theaterautor, weiß um das Gewicht jeder Silbe. Aus lapidaren Sätzen lässt er Figuren und Stimmungen entstehen ("Die Haustür war offen, Kingeln gab es nicht, oder nicht mehr"). Als Regisseur, der Schimmelpfennig auch ist, arrangiert er die einzelnen "Schicksale" mit einem geradezu banalen Kniff: Ein streunender Wolf ist das Verbindungsglied der Erzählstränge; sein uninterpretierbarer Weg führt ihn von der brandenburgischen Provinz bis hinein in den Stadtteil Marzahn. In kurzen, oft nicht einmal eine geschriebene Seite umfassenden Szenen knüpfen die Episoden aneinander an, meisterhaft geschnitten wie in einer Drehbuchvorlage. Manchmal denkt man, Andreas Dresen inszeniert hier Short Cuts von Robert Altman neu. Der Wolf ist real (einmal wird er als Beweis sogar fotografiert), zugleich bleibt er aber auch die rätselhafte Erscheinung und jener tierische Wink aus einer anderen Welt, den man aus den Stücken Schimmelpfennigs kennt. Als solcher leistet er dem Autor gute Dienste: Wo wird er wieder auftauchen? Wird ihn Charly töten? Warum ist er Zeuge menschlichen Tuns?

Das Episodenkonzept samt dem Faktor Wolf ist gewiss ein dankbares Rezept für ein Romandebüt. Dieses liest sich – samt seinen Waffen, Toten, voreinander Fliehenden, Zwielichtigen, Eifersüchtigen – zuweilen wie ein Krimi ohne Verbrechen. Roland Schimmelpfenning, so hat man den Eindruck, ist mit dem Klaren, eiskalten Januarmorgen ganz auf Nummer sicher gegangen. Und dennoch bleibt man dran an diesem Buch, als hätte es noch nie ein solches gegeben. (Margarete Affenzeller, Album, 11.3.2016)

Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

  • Dramatiker Schimmelpfennig.
    foto: justin del corte

    Dramatiker Schimmelpfennig.

  • Roland Schimmelpfennig, "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts", EURO 19,99 / 254 Seiten. S. Fischer, 2016
    cover: s. fischer

    Roland Schimmelpfennig, "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts", EURO 19,99 / 254 Seiten. S. Fischer, 2016

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