Heinz Strunk: Das Schicksal kennt nur harte Schläge

14. März 2016, 12:00
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Der deutsche Komiker und Schriftsteller ist ernst geworden. In "Der Goldene Handschuh" zeichnet er das Leben des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka nach

Lustige Worte wird man hier vergeblich suchen. Vielleicht gilt als galliges Motto des neuen Romans von Heinz Strunk also nur dieses nur kurz gute Laune machende Bonmot: "Besser von Rembrandt gemalt als vom Branntwein gezeichnet." Damit hat es sich aber auch schon wieder mit dem Schenkelklopfen und dem Humor in Der Goldene Handschuh. Vielleicht hat der Hamburger Musiker, Schauspieler, Komiker und Erfolgsautor Heinz Strunk die wesentlichen Witze, die das Leben in den ersten fünf Lebensjahrzehnten so schreibt, einfach schon durch.

Als Schriftsteller trat Heinz Strunk erstmals 2004 in Erscheinung. Der autobiografische Selbstzerfleischungsklassiker Fleisch ist mein Gemüse über seine schwierige Zeit als Tanzmusiker bei Firmenfeiern, Baumarkteröffnungen oder Sparvereinsauszahlungen drang zwar schon damals tief in den Kern eines jeden Humors vor: Es ging um Einsamkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Langeweile als Vorstufe der Depression – im Wesentlichen also um nackte existenzielle Verzweiflung. Der letzte Humor ist immer der Galgenhumor. Solange aber die Luft noch reicht, kann man dagegen ankämpfen.

500.000 verkaufte Stück des Buchs hatten nicht nur ihren Wert, sie hatten auch ihren Preis. Von da musste es mit auf diesen Überraschungshit folgenden, galligen, schnoddrig autobiografistisch geschriebenen Romanen wie der TV-Comedy- Abrechnung Die Zunge Europas oder dem sehr, sehr lustigen wie niederschmetternden Masturbationsklassiker Fleckenteufel verkaufstechnisch einfach bergab gehen.

Humoristisch definierte sich Heinz Strunk nach seinem mit Rocko Schamoni und Jaques Palminger betriebenen Telefonterrorprojekt Studio Braun in den letzten Jahren subtiler. Als gezinktes Techno-Gründervatertrio Fraktus sorgt man heute für Stimmung auf großen Festivals. Und Strunk erfand sich selbst neu als auf Heizdeckenfahrten geeichter Karriere- und Lebensberater mit dem über deutsche Klein- und Mittelbühnen ziehenden Programm Das Strunk-Prinzip. Mitunter bleibt das Lachen im Hals stecken.

Nun hat Heinz Strunk aber einen Roman vorgelegt, der alle seine bisherigen Arbeiten hinter sich lässt, weil es hier ernst und hart zur Sache geht. Im Roman Der Goldene Handschuh verlässt Heinz Strunk erstmals die Missgeschicke der eigenen Biografie. Er spürt jenen eines anderen nach.

Erzählt wird die Geschichte des Mitte der 1970er-Jahre zu, ja was, trauriger Berühmtheit gelangten Hamburger Frauenmörders Fritz Honka, den sie auf dem Kiez in St. Pauli Fiete nannten. Vielleicht auch, weil sich der Mann, der in seiner Jugend aus dem Osten rübergemacht hatte, nicht richtig artikulieren konnte. Schon früh hatten sie ihm im goldenen Westen nicht nur das Gesicht und Gebiss, sondern auch das Gehirn zu Brei geschlagen. Dazu kamen etliche weitere blöde Geschichten. Das Schicksal und seine Schläge. Der Absturz. Der Suff.

Hamburg-St. Pauli. 1962 eröffnete dort auf der Reeperbahn der zweifache Box-Europameister Herbert Nürnberg die Kneipe Zum Goldenen Handschuh. Seither hat sie bis heute rund um die Uhr geöffnet. Für jene Kundschaft, die sich eben nicht wegen des Nervenkitzels bei einem Kuckbier an diesem menschlichen Elendslokal ergötzt und wieder in ein besseres Leben oder an so etwas wie einen Ort namens "nach Hause" gehen kann, bedeutet der Handschuh die Endstation, den Einstieg in die Hölle noch zu Lebzeiten.

Im Wurlitzer läuft deutscher Schlager. Es geht eine Träne auf Reisen. Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze. Du sollst nicht weinen. Ich hab die Liebe verspielt in Monte Carlo. Es ist zum Heulen. Und geheult wird hier oft. Auch andere Körpersäfte rinnen. Die Stammgäste setzen sich aus Pennern, Halb- und Vollirren, normal Wahnsinnigen, Schweralkoholikern, versifftem Rotlichtmilieu und anderem Personal zusammen, das man gemeinhin als Bodensatz der Gesellschaft betrachtet. Das sind die Leute, die man "sterbliche Überreste" nennen könnte. Sie sind noch nicht ganz tot – und theoretisch besitzt Der Goldene Handschuh einen Ausgang. Aber wozu?

Weiter hinten bei den überschwemmten Toiletten wohnen die Schimmligen. Man muss nicht erklären, warum man sie so nennt. Selbst der Abschaum vorn an der Theke blickt auf sie herab.

Getrunken wird tage- und nächtelang bis zum Umkippen. Stützbier, Sturzsuff, Verblendschnaps, Schmiersuff, Vernichtungstrinken. Damit man den üblen Diesel runterkriegt, ohne ihn gleich wieder hochzukotzen, lässt sich Fiete Honka seinen Korn mit Fanta mischen, im Verhältnis eins zu eins. Das Gesöff nennt sich Fako. Es macht, dass man sein beschissenes Leben im Blackout zumindest für einige Stunden vergisst. Fako unterdrückt auch manchmal die Gier, die Geilheit, den Hass auf die Welt, die Scheißtypen draußen auf der Straße, die einen verachten. Vor allem aber dämpft er den Hass auf die geilen Scheißweiber, die einen nicht ranlassen wollen.

Manchmal wacht Fritz Honka am nächsten Tag auf und neben ihm liegt so eine Frauenleiche. Er kann sich an nichts erinnern – vor allem nicht an diese zahnlosen, verkommenen und eingefallenen, mindestens genauso kaputt wie er durchs Restleben torkelnden Ernas, Inges, Hertas, Ilses, die er da in der Nacht aus dem Handschuh mit der Aussicht auf ein festes Dach, eine Matratze und noch mehr Schnaps abgeschleppt hat. Totgehauen. Weg. Aus. Honka zersägt die Leichen, packt sie in Plastik, verstaut sie im Dachstuhl. Das geht über die Jahre viermal so. Der Gestank in der Wohnung muss füchterlich gewesen sein. Erst ein Brand im Haus lässt Fritz Honka 1975 auffliegen.

Heinz Strunk erzählt diese wahre Geschichte, die er mit dem Niedergang einer fiktiven Hamburger Reederfamilie parallelführt, schonungslos, aber nie zynisch. Schon gar nicht legt er sie als schaurigen Sozialporno an. Sein Blick ist kühl, nicht mitleidig, aber Anteil nehmend. Ihm ist damit ein großes, unter die Haut gehendes und sehr ernstes Buch gelungen. (Christian Schachinger, Album, 12.3.2016)

Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

  • Erfolgsautor Heinz Strunk.
    foto: rowohlt-verlag

    Erfolgsautor Heinz Strunk.

  • Heinz StrunkDer Goldene HandschuhRowohlt 2016256 Seiten, 20,50 Euro
    cover: rowohl

    Heinz Strunk
    Der Goldene Handschuh

    Rowohlt 2016
    256 Seiten, 20,50 Euro

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