Die Angst der Krebspatienten vor dem Essen

11. März 2016, 14:23
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Am Ernährungskongress in Wien stehen Krebspatienten und ihr Essverhalten im Fokus – vor so genannten Krebs-Diäten wird gewarnt

Wenn Krebspatienten in die Ernährungssprechstunde von Nicole Erickson im Klinikum rechts der Isar der TU München kommen, wirken sie oft verunsichert. "80 Prozent haben Angst zu essen", erklärte die Ernährungswissenschafterin. Die meisten haben von Krebs-Diäten gehört, deshalb gehört es zur zentralen Aufgabe Ericksons, den Betroffenen die Unsicherheit zu nehmen.

Patienten, die an Krebs erkrankt sind, kämpfen häufig mit Problemen wie Gewichtsverlust, Geschmacksveränderungen, Schluckstörungen, verändertem Speichelfluss oder Übelkeit. Die tägliche Ernährung wird zur Herausforderung, denn die Betroffenen müssen einerseits gehaltvoll essen, um im Zuge einer Chemo- oder Strahlentherapie nicht zu stark an Gewicht zu verlieren, aber andererseits leiden sie an Begleiterscheinungen, die die Nahrungsaufnahme stark einschränken.

"Ich höre oft, das schmeckt alles nach Schuhe und Pappe", erzählte Erickson. Oder die Patienten haben enormen Hunger, aber wenn das Essen vor ihnen steht, dann bekommen sie nichts herunter. Andere wiederum leiden so enorm unter Durchfall, dass sie das Haus nicht verlassen können.

Unbedingt Gewicht halten

"Gerade für Menschen mit Krebserkrankungen ist es wichtig, sich ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren", meinte Erickson. "Und ich nehme ihnen die Angst davor." Es sei wichtig, im Zuge der Krebstherapie das Gewicht zu stabilisieren. Denn es kann nicht nur zu Gewichtsverlust kommen, bei hormongesteuerten Krebsarten ist auch eine Zunahme möglich. "Die Ernährung muss sich dabei an den persönlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten orientieren und soll kein zusätzlicher Stressfaktor werden", ist Erickson überzeugt.

Kritik äußerte die Wissenschafterin an den zahlreichen Krebs-Diäten, die auf dem Markt sind. "Die gibt es nicht", meinte Erickson. Den Patienten würde durch Weglassen von bestimmten Lebensmitteln die Mikronährstoffe fehlen. So gebe es etwa den Ratschlag, zehn bis 20 Kilogramm Gemüse pro Tag zu essen, das sei nicht praktikabel. "Krebspatienten neigen zu Extreme", meinte Erickson. Und Extreme seien in der Ernährung nicht sinnvoll. Erickson empfiehlt deshalb eine evidenzbasierte Ernährungsberatung bei einem Diaetologen.

Im deutschsprachigen Raum etwa gelte der Grundsatz, dass Schokolade stopfen würde. Erickson, die aus den USA stammt, zeigte sich darüber verwundert, kannte sie diese Überlieferung gar nicht und forschte nach. "Dass Schokolade die Verdauung hemmt, hat nur eine einzige deutsche Studie bewiesen", meinte die Wissenschafterin, doch seit Jahrzehnten wird die Empfehlung an Generationen weitergegeben.

Stoffwechsel erforschen

"Es gibt so viele Faktoren, die wir noch nicht verstehen", meinte Erickson. Denn der Stoffwechsel eines Krebspatienten verläuft katabolisch (abbauend, Anm.) und inflammatorisch (entzündlich, Anm.).

Da es zu diesem Thema noch zu wenige Studien gibt, startet derzeit nach Abschluss der Pilotstudie in München eine Untersuchung, bei der 660 Frauen bei ihrer Ernährung und zum Thema Sport betreut werden. Es wird beobachtet, wie sich der Lebensstil auf eine Krebserkrankung auswirken kann. Die Studie "Libre" ("Lebensstilintervention bei gesunden und erkrankten BRCA1/2 Mutationsträgerinnen und Frauen mit einem hohen Risiko für Brust- und Eierstockkrebs") unter der Leitung von Marion Kiechle wird zumindest drei Jahre andauern. (APA, 11.3.2016)

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    foto: istock
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