Neandertaler lebten zu einem Fünftel von vegetarischer Kost

13. März 2016, 12:00
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Neue Studien bestätigen das Bild vom Neandertaler als Großwildjäger, ergänzen es jedoch um eine nicht zu verachtende Gemüsebeilage

Tübingen – Als einer der Gründe, warum der Neandertaler gegenüber dem Homo sapiens den Kürzeren gezogen hat, wird gerne die größere Vielseitigkeit von Letzterem genannt – auch in Sachen Ernährung. Unsere direkten Vorfahren seien so flexibel gewesen, dass sie auch auf kleine Tiere Jagd machten, fischten sowie Pflanzen und Pilze sammelten. Die Neandertaler hingegen seien ausschließlich auf die Großwildjagd spezialisiert gewesen – womit die wirklich großen Tiere gemeint sind, etwa Wollhaarmammuts.

Diese traditionelle Sichtweise ist in jüngerer Vergangenheit etwas ins Wanken geraten. Dazu tragen auch zwei Studien bei, die kürzlich in den Fachjournalen "Journal of Human Evolution" und "Quaternary International" erschienen sind. Demnach verschmähten Neandertaler pflanzliche Kost keineswegs.

Menschen und andere Raubtiere

Forscher des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) in Tübingen untersuchten die Ernährung von Neandertalern anhand von Isotopenzusammensetzungen im Kollagen von deren Knochen. Zwei Fundstellen in Belgien boten dem internationalen Team um Hervé Bocherens zahlreiche zwischen 45.000 und 40.000 Jahre alte Knochen von Mammuts, Wollnashörnern, Wildpferden, Rentieren, Wisenten, Höhlenhyänen, -bären und -löwen sowie Überreste von Wölfen. In unmittelbarer Nähe wurden auch Knochen mehrerer Neandertaler entdeckt.

Die Forscher konnten am Knochen-Kollagen ablesen, dass sich die Nahrung der Neandertaler deutlich von der der Raubtiere unterschied. "Früher ist man davon ausgegangen, dass die Neandertaler die selben Nahrungsquellen wie ihre tierischen Nachbarn nutzten", sagt Bocherens und ergänzt: "Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass alle Raubtiere eine sehr spezifische ökologische Nische besetzten, wobei in der Regel kleinere Beutetiere wie Rentiere, Wildpferde oder Wisente bevorzugt wurden, während sich die Neandertaler auf die großen Pflanzenfresser wie Mammut und Wollnashorn festlegten."

Fleisch mit Beilage

Soweit stimmt das Bild vom Neandertaler als Großwildjäger also. Doch es kommt eine Komponente hinzu: Untersuchungen der Isotopenzusammensetzung einzelner Aminosäuren des Kollagens belegten, dass etwa 20 Prozent der Neandertalernahrung pflanzliche Kost war.

"In dieser Studie konnte erstmalig quantitativ ermittelt werden, wie groß der Anteil pflanzlicher Nahrung der späten Neandertaler ist. Eine ähnliche Ernährung wird auch für steinzeitliche moderne Menschen angenommen", fügt Bocherens hinzu. "Es verdichten sich die Belege, dass die Ernährung kein entscheidender Grund war, warum die Neandertaler Platz für die modernen Menschen machen mussten." (red, 13. 3. 2016)

  • Spitzenprädatoren der Altseinzeit: Neandertaler hatten sich auf die größte Beute spezialisiert – ergänzten dies aber mit pflanzlicher Kost.
    illustration: bocherens

    Spitzenprädatoren der Altseinzeit: Neandertaler hatten sich auf die größte Beute spezialisiert – ergänzten dies aber mit pflanzlicher Kost.

  • Diese Zähne rissen nicht nur an Mammutfleisch, sie kauten auch auf Wurzeln herum.
    foto: bocherens

    Diese Zähne rissen nicht nur an Mammutfleisch, sie kauten auch auf Wurzeln herum.

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