Erik Schmidt: Fremde Zeichen, bekannte Muster

17. März 2016, 12:05
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Der Künstler versucht in "Cut/Uncut" in der Galerie Krinzinger in Wien eine Annäherung an die Stadt Tokio

Sich zu verlieren ist eine Erfahrung, die wohl jeder Besucher der Stadt Tokio macht. Schließlich diente ihre labyrinthartige Struktur lange dazu, feindliche Truppen möglichst lange von der Burg Edo, der heutigen Kaiserresidenz, fernzuhalten.

Der 1968 geborene, in Berlin lebende Künstler Erik Schmidt hat sich der Stadt während seines mehrmonatigen Aufenthalts 2015 ebenfalls über diese fundamentale Irritation angenähert: Straßen ohne Namen, Stadt ohne Zentrum oder Im Reich der Zeichen heißen seine großformatigen Ölbilder, auf denen er Stadtansichten, Straßenzüge oder das Nebeneinander moderner und traditioneller Häuser festgehalten hat.

Erik Schmidt hat diese städtischen Impressionen allerdings nicht (nur) mit dem Fotoapparat, sondern mit einer speziellen Maltechnik aufgezeichnet: Er konstruiert seine realistischen Bilder nicht mit Farbflächen, sondern mit virtuos gesetzten, gestischen Strichen, was einerseits an die traditionelle japanische Kalligrafie, andererseits auch an die von ihr inspirierte Rohrfederzeichnungen Van Goghs erinnert.

Auf eine künstlerische Arbeit ganz anderer Art nimmt Schmidt wiederum mit dem Film Cut/Uncut Bezug: Die Kamera folgt darin dem Künstler, der in Tokio an Menschenmassen oder auch Obdachlosen vorbeiläuft; er geht aber auch essen, in Bars oder sitzt in einer der Spielhallen. Am Ende kniet er von einer Geisha, die ihm im traditionellen Ambiente auf rituelle Weise ein Kästchen mit Seilen und einem Messer reicht.

Kurz denkt man an Aktfotografien Nobuyoshi Arakis, es wird aber eher das Cut Piece (1964) von Yoko Ono zitiert. Anders als Ono, die sich in der ebenso eindringlichen wie legendären Performance ihre Kleidung vom Leib schneiden ließ, greift Erik Schmidt jedoch selbst zum Messer und zerschneidet seinen europäischen Anzug, den er langsam in einen klassisch japanischen Kimono transformiert. So geht die Verwandlung eigentlich recht schmerzfrei vonstatten; allerdings hat man nach den subjektiv-traumwandlerischen Sequenzen von Japan nicht allzu viel mitgekriegt.

In einigen Collagen dringt Schmidts Faszination für das Nebeneinander von Tradition und Moderne nochmals durch. Die Hochformate beziehen sich auf die Präsentationsform von Kalligrafien: Bilder japanischer Tageszeitungen übermalte er mit japanischen Schriftzeichen. (Christa Benzer, 12.3.2016)

Bis 26.3.
Galerie Krinzinger
Seilerstätte 16, 1010 Wien

  • Städtische Tokio-Impressionen fast in Lebensgröße: Erik Schmidts "Kontrolle ohne Freiheit" (2016) misst 300 mal 160 Zentimeter.
    foto: galerie krinzinger

    Städtische Tokio-Impressionen fast in Lebensgröße: Erik Schmidts "Kontrolle ohne Freiheit" (2016) misst 300 mal 160 Zentimeter.


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