Selbstgemachtes Drogenproblem?

Userkommentar14. März 2016, 09:34
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Es wäre ein Leichtes, bestimmte Substanzen zu legalisieren. Gefragt sind politische Courage – und ein Verständnis für mehr als nur Alkohol

Armer deutscher Politiker Volker Beck. Eine lächerliche Menge von nicht einmal einem Gramm, und schon gilt er als Persona non grata. Spott und Hohn brechen über ihn herein, und zu Recht wird er sich fragen, wessen Verbrechen er sich schuldig gemacht hat.

Stellen wir uns vor, wir lebten in einer Gesellschaft, in der Alkoholgenuss tabuisiert wird oder sogar offiziell verboten ist. Wie viele hunderttausend Österreicher müssten vor dem moralischen Kadi landen! Die verdächtig rot leuchtenden Backen, die geplatzten Äderchen in den Augen, die durch die Zeit leicht aufgedunsenen Körper, wem fallen da nicht sofort einige ein, die um uns herum leben oder die Woche für Woche im Fernsehen zu bestaunen sind? Vergessen wir also nicht die unter Ärzten feststehende Tatsache, dass "gesamtgesellschaftlich Alkohol die gefährlichste Substanz
bleibt"
, wie das "Profil" den Psychiater und Suchtmediziner Roland Härtel-Petri zitiert.

Alkohol ist die Volksdroge schlechthin

Der Unterschied zwischen einem Alkohol- und einem Drogenkonsumenten besteht im Wesentlichen in der Beschaffung. Alkohol gibt es rund um die Uhr, da er legal verkauft werden darf, Drogen nicht. Alkohol ist in Europa die Volksdroge schlechthin, an der eine milliardenschwere Wirtschaft hängt. Millionen werden in Werbung und Marketing investiert, Bundesländer werben mit ihren "Weinstraßen", Bier ist angeblich "kein Alkohol", Wein wird zum Wasserersatz, wie Alkohol generell fix im Lebensmittelbereich integriert ist.

Wird einem Alkohol angeboten und abgelehnt, gilt man als Spaßverderber, fragt man im Gegenzug, ob es auch andere Drogen im Haus gibt, empört sich der Gastgeber. Zigaretten gibt es in den meisten Filmen schon lange nicht mehr, die Drinks jedoch werden unverdrossen weitergekippt. Nicht umsonst scheiterte die Prohibition in Amerika, während die Gangstersyndikate in höchstem Ausmaß davon profitierten.

Einstellungssache

Um es kurz zu machen: Wir sollten endlich akzeptieren, dass Menschen gerne etwas zu sich nehmen, das sie in irgendeiner Weise befriedigt, erleichtert, glücklich macht. Wie viele Menschen essen nicht gerne weit über das Nötigste hinaus? Auch das kann eine Art Ausgleich sein. Ausgleich wovon? – Nicht perfekt zu sein? Nicht genügend geleistet zu haben? Zu wenig Zeit für alle und alles?

Und was machen wir dann, weil das Leben halt nicht zu ändern ist? Wir flüchten. Gib dir einen Schnaps, gib mir eine Torte. Und manche eben wollen etwas anderes, nämlich Marihuana, Opium, Kokain, Speed oder Ähnliches.

Öffentliche Diskussion ist unmöglich

Im Jahr 2016 ist in Österreich eine offene Diskussion über derzeit illegale Substanzen überfällig. Alkoholmissbrauch ist in der Gesellschaft über die Jahrhunderte quasi sozialisiert und gesellschaftlich anerkannt worden, während über "Drogen" nicht einmal offen gesprochen wird. Öffentliche Diskussionen, zum Beispiel im Fernsehen, sind insofern geradezu unmöglich, als auch der mutigste Drogenkonsument nicht scharf darauf ist, nach der Gesprächsrunde beim ORF-Portier von Polizisten erwartet zu werden. Es gibt sicherlich Menschen, die sich an Diskussionen dieser Art beteiligen würden, aber bei dieser heiklen, weil illegalen Materie wird wohl Anonymität gewahrt werden müssen.

Wie zu bewerkstelligen?

Politiker sollten sich also endlich der Frage stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, bestimmte Drogen zu legalisieren und den Handel selbst zu übernehmen, anstatt mehr oder weniger hilf- und erfolglos den Dealern hinterherzulaufen – oder eben Volker Beck.

Vorstellbar ist der Verkauf von Marihuana oder Kokain durch Apotheken. Alles andere ist auszuschließen, weil gesundheitlich nicht vertretbar. Ich plädiere deshalb auch für Kokain, obwohl keine "weiche" Droge, weil mittlerweile viele Menschen Kokain als Aktivitätshilfe während ihres Alltags benützen. Infrage kommen Personen ab dem 19. Lebensjahr (Großjährigkeit) mit einer Gesamtmenge pro Monat, zum Beispiel zehn Gramm Marihuana oder vier Gramm Kokain, abzugeben in wöchentlichen Einheiten von zwei beziehungsweise einem Gramm.

Diese Mengen bringen niemanden um (im Gegensatz zu so manchem alkoholisierten Autofahrer) und sind zu gering, um abhängig zu machen. Jeder Käufer muss sich zunächst bei einer Apotheke in seinem Wohnbezirk mit gültigem Meldezettel und Lichtbildausweis anmelden; der Ausweis ist einzuscannen und bei jedem Kauf vorzulegen. Gekauft kann nur in der Apotheke werden, in der man sich angemeldet hat. Ist das Kontingent verbraucht, kann erst wieder im darauffolgenden Monat gekauft werden.

Der Staat als Verkäufer von Drogen

Gemäß den heutigen Straßenpreisen – 100 Euro für zehn Gramm Marihuana, 80 bis 100 Euro für ein Gramm Kokain – kann sich der Staat ausrechnen, wie viel Geld dieser Markt bietet. Nachdem unter staatlicher Aufsicht die Preise vehement fallen werden, reduziert sich der Schwarzmarkt mit all seinen Problemen schlagartig auf ein wesentlich geringeres Ausmaß, was sich auch positiv aufs Budget auswirkt – weniger Polizeieinsätze, weniger Gefängnisaufenthalte, weniger medizinische Kosten und so weiter.

Ein neuer Wirtschaftszweig

Der Staat würde so einen neuen, arbeitsintensiven Wirtschaftszweig entstehen lassen, der viele Arbeitsplätze bietet. Marihuana ist in Österreich überall zu kultivieren, um nicht zu sagen, es wächst in jedem Innenhof oder auf jedem Balkon. Kokain ist importierbar, die Streckung sollte in Österreich erfolgen (Arbeitsplätze!), wodurch auch das Hauptproblem bei Kokain, nämlich die oft fraglichen Substanzen, mit denen es gestreckt ist, hinfällig wird.

Politiker in Österreich könnten sich das trauen

Doch ich befürchte, dass kein Politiker, keine Politikerin in Sicht ist, der/die sich traut, dieses Thema offensiv anzugehen. Zu groß ist die Furcht vor dem großen (Wähler-)Volk, das außer Alkohol nichts anderes kennt. Diese irrationale Angst kann durch eine öffentliche
Enttabuisierung beseitigt werden. Etliche Staaten haben diesen Weg schon erfolgreich beschritten. Also, wer traut sich? Liebe Politiker und Politikerinnen, treffen wir uns doch einmal auf einen kleinen Joint oder eine Line und reden wir darüber! (Martina Paul, 14.3.2016)

Martina Paul (56) lebt als freiberufliche Lektorin in Wien und veröffentlichte zuletzt gemeinsam mit Peter Gathmann: "Narziss Goebbels. Eine psychohistorische Biografie". Böhlau-Verlag, Wien 2009.

  • Politiker sollten sich der Frage stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, bestimmte Drogen zu legalisieren und den Handel damit selbst zu übernehmen.
    foto: imago/christian ohde

    Politiker sollten sich der Frage stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, bestimmte Drogen zu legalisieren und den Handel damit selbst zu übernehmen.

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