Prozess gegen sechs mutmaßliche Jihadisten: Wirbel um Dolmetscherin

11. März 2016, 11:52
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Aussagen über Vorträge des Imams und Spendenfluss

Graz – Der Prozess gegen sechs mutmaßliche Jihadisten ist am Freitag im Grazer Straflandesgericht mit der Befragung mehrerer Zeugen fortgesetzt worden: Manche von ihnen waren zu Beginn der Ermittlungen als Verdächtige vernommen worden, nun mussten sie Auskunft über die Organisation und Vorträge einer Grazer Moschee geben. Keiner von ihnen belastete die Angeklagten.

Niemals sei gepredigt worden, in den Jihad zu ziehen, lauteten die Aussagen unisono. Der frühere und der aktuelle Obmann des Grazer Glaubensvereins sowie der Buchhalter mussten sich den Fragen des Gerichts in punkto Einnahmen und Spenden stellen, konnten oder wollten aber wenig detaillierte Angaben machen. Vor allem bei den Spenden, die an angeblich anerkannte Hilfsfonds ins Ausland geschickt wurden, hakte der Staatsanwalt mehrmals nach: "Kann es nicht sein, dass das Geld an den IS ging, der es statt für Kinder für Waffen verwendete?"

Von Spenden, die an einen Kontaktmann in die Türkei nahe der syrischen Grenze gegangen sein sollen, wollte ebenfalls keiner der Zeugen etwas wissen wollen. Dass der Imam in der Grazer Moschee radikalisiert hatte und junge Männer ermutigte, in den Jihad zu ziehen, bestätigte keiner. "Warum gehen dann aber von so einem kleinen Verein fünf, sechs oder sieben Männer nach Syrien und drei davon sind nun tot?", fragte der Staatsanwalt. "Der Verein ist ein öffentlicher Platz und das sind erwachsene Männer", versuchte der frühere Obmann zu erklären. Keiner will wahrgenommen haben, dass der Imam zum Kampf im Jihad in Syrien aufgerufen haben könnte.

Dolmetscherin ist Frau eines früheren Verdächtigen

Für Aufsehen hat gegen Mittag die Dolmetscherin für die tschetschenische Sprache gesorgt: Als ein Zeuge und ehemaliger Verdächtiger befragt werden sollte, erklärte die Frau, dass es sich um ihren Ehemann handelt und der derzeit in Russland sei. Das Gericht sei aber informiert worden, dass er am Freitag nicht kommen kann. Für den Staatsanwalt mache die Verstrickung "ein extrem ungutes Bild".

Die Dolmetscherin hatte zuvor mehrere Aussagen von Zeugen übersetzt, ehe sie bekannt gab, dass sie die Frau eines ehemaligen Beschuldigten ist: "Es geht um den Anschein der Befangenheit", warnte der Staatsanwalt, unterstrich aber, wie schwer es sei, einen Tschetschenisch-Dolmetscher zu bekommen: "Die anderen trauen sich alle nicht", sagte er.

Die Dolmetscherin dagegen hatte offenbar keine Angst zu übersetzen, fiel aber auf, weil sie mit manchen der rund 20 muslimischen Zuhörern in der Verhandlungspause gesprochen hatte. Sie gestand ein, dass ihr Ehemann ebenfalls in der Grazer Moschee war, das Verfahren gegen ihn aber eingestellt worden war: "Das hätten Sie früher sagen müssen", sagte der Ankläger. Von da an wurde nur noch die Dolmetscherin für russisch für die Übersetzungen herangezogen, denn die Zeugen tschetschenischer Herkunft könnten auch diese Sprache, begründete das Gericht.

Gegen Mittag wurde eine Zeugin gehört: Es handelt sich um die zweite Frau des angeklagten Imam. Es ging um die Anbahnung einer dritten Ehe, denn der Grazer Prediger wollte offenbar nicht nur mit seiner ersten Frau viele Kinder zeugen, sondern auch mit weiteren Frauen. Vor Gericht machte die Zeugin nur wenige Angaben und wirkte zurückhaltend. Für den Staatsanwalt war das ein Zeichen dafür, dass die Frau im Vorfeld beeinflusst wurde: "Sie wurde hier vorgeführt. Das zeigt, welchen Wert Frauen bei Tschetschenen haben", lautete seine Schlussfolgerung. Das habe für ihn nichts mit einem Schleier zu tun: "Der ist mir egal, und wenn sie sich grün lackieren ist es mir gleich", bemerkte er am Rande der Verhandlung.

Sein Vater, ein Held

Am Nachmittag wurden eine Grazer Schuldirektorin sowie ein Mithäftling eines Angeklagten gehört. Der Sohn einer der angeklagten Frauen ging in die Schule der Direktorin und berichtete davon, dass der Sechsjährige nach dem Tod seines Vaters mit einem Foto von ihm in die Schule kam. Er habe den anderen Kindern erzählt, dass sein Vater ein Held sei, weil er im Jihad in Syrien gefallen ist.

Außerdem soll der Bub beim Mittagessen andere Schüler und Kollegen der Direktorin als "Schweinefleischfresser" beschimpft haben. Als die Schulleiterin die Vorfälle beim Landesschulrat meldete und ein Gespräch mit der Mutter wünschte, wurde der Kleine plötzlich von der Schule abgemeldet, berichtete die Zeugin.

Im Anschluss befragte das Gericht den Zellengenossen eines Angeklagten. Er warnte vor dem Beschuldigten: "Der Mann ist eiskalt, er sieht nur unschuldig aus." Der Angeklagte habe versucht, ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen und ihm vorgeworfen, dass er Schweinefleisch isst und mit einer österreichischen Frau ein Kind hat. Er soll ihm erzählt haben, dass in der Grazer Moschee besprochen wurde, wie nach Syrien gereist werde, und die Community helfen könne, wenn er nach Syrien will. Als der Zeuge aber nicht auf die Werbung ansprach, habe der Angeklagte ihn bedroht und gesagt: "Er macht mich und meine Familie tot."

Das Verfahren wird am Montag mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt. (APA, 11.3.2016)

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