Guntram Vesper: Erinnerung – angebaut, ausgebaut

17. März 2016, 14:19
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Noch einmal zurückgegangen: errichtet in seinem Roman "Frohburg" Heimat und Heimatort, Familien- und Zeitgeschichte in der Sprache neu

Was hätte Walter Hinck gesagt? Der im letzten Herbst hochbetagt verstorbene Kölner Germanist hatte Ende 2009 den 1941 geborenen Lyriker Guntram Vesper für die Bündigkeit seines 40 Seiten schmalen Prosabandes Auftakt mit Arnold Z. gelobt, wie so viele Veröffentlichungen Vespers in den letzten zwei Jahrzehnten erschienen in einem Kleinstverlag. So viele Autoren würden, so Hinck, Autobiografisches auswalzen, auf dass es einen dicken Band ergäbe. Vesper hingegen, seit Jahren in Göttingen ansässig, befleißige sich subtiler Zurückhaltung.

Und nun 1008 Seiten. Frohburg. Über Autobiografisches. Von Guntram Vesper, stammend aus der Stadt Frohburg in Sachsen. Ist dies ein Fall für die bezaubernde englische Alliteration "making mountains out of molehills", Maulwurfshügel als Berge zu deklarieren?

Konstruktion einer Heimat

"Erinnerung baut an: sagen die, die noch einmal zurückgegangen sind", heißt es in Uwe Johnsons Jahrestage, eine Erinnerungs- und Zurückgeher-Tetralogie, die der aus Pommern stammende Johnson fern der Heimat, in den USA und in Großbritannien, schrieb.

Guntram Vesper erschreibt sich Frohburg neu, ein heute 10.300 Seelen zählendes Städtchen zwischen Leipzig und Chemnitz, nicht weit von Meuselwitz, wo der spätere Autor Wolfgang Hilbig unter Tage arbeitete, und an der Grenze zu Thüringen, die nächstgelegene Stadt ist Altenburg, einst Wohnort des zauberischen Künstlers Gerhard Altenbourg, der sich zu DDR-Zeiten in sein Wohn- haus einpuppte. Abbau, Hohlräume, Verpuppung, Zirzensisches: All dies kennzeichnet Vespers Konstruktion einer Heimat als "Roman".

In zahllosen Schleifen, Ab- und Erwanderungen, Miniaturen, Vignetten, Episoden, Einflechtungen geht es in diesem kleinteiligen Erinnerungsmosaik von den 1930er-Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart. Es ist Zeitgeschichte. Es sind Alltagsgeschichten. Die von Landenteignung und Exekutionen des sowjetrussischen Militärkommandeurs nach Kriegsende ebenso handeln wie von Tratsch, Eigenheiten und Familienmitgliedern. (Wäre diesem "Roman", der keiner ist, ein Namensregister mitgegeben worden, umfasste dieses wohl an die 20 Seiten.) Hitler und Pieck, Grotewohl und der Westen – die Familie Vesper floh 1957 in die Bundesrepublik -, Göttingen, das Arbeitszimmer, nächtliche Stadtgänge und aufgelassene Antiquariate, Großvaters Ende und Doris-Mutti, Dallmers Schnaps- und Zigarettenladen, Tanzabend im Gasthaus Bubendorf und Karl May in Radebeul, Begegnungen mit Wolfgang Mattheuer, mit Erich Loest, Vietnamkrieg und Erster Weltkrieg, SED-Bonzen und Übereifrige und Indifferente, es gibt wahrlich nichts, was in dieser Mikrohistorie, in dieser Epopöe vom kleinsten Ferment des Lebens nicht Eingang gefunden hat und im Wortsinn aufgehoben wird. Das Erstaunliche: Man liest es mit Interesse. Auch wenn das dramaturgische Prinzip das Zusammenballen im Moment ist. Es ergibt sich kein Fortschritt noch Fortschreitendes. Handlung im gängigen Sinn ist in diesem Erinnerungslebensdenkmal nicht vorhanden. Zugleich ignoriert Vesper auch unterkomplexe Sätze. Seine vielmehr tragen außergewöhnlich viele Exkurse in sich. Und wirken dabei doch elastisch, federnd.

Allerdings unterstreicht Vespers Prosagebirge einen aktuellen Trend innerhalb der deutschsprachigen Verlagslandschaft. Kommt ein Autor daher, Autorinnen sind da immer noch die Ausnahme – die letzte, die dies hierzulande bis zur Selbstvernichtung wagte, war die 2007 verstorbene Marianne Fritz -, mit einem Manuskript, das weit jenseits einer Million Anschläge liegt und auch die Zwei-Millionen-Barriere ignoriert, legen offenkundig die Lektorate alle kritischen Instrumente des Einspruchs, der Kürzung, der Verknappung beiseite. Und begnügen sich damit, vielleicht auch in die Schranke gewiesen von dem auratischen Hinweis, er oder sie, fortgeschrittenen Alters immerhin, habe über zehn, über zwanzig Jahre (wie Vesper), ja eigentlich sein ganzes Leben lang an diesem Buch gearbeitet. Das ist inzwischen marketingtauglich, weil originellen Eigensinn signalisierend in immer schnelleren Zeiten, die um Sekunden verzögerte Downloads als Tragödie aufzufassen gewillt sind und dabei jegliche geduldige Tiefenbohrung meiden. Geduld ist eines der Schlüsselwörter dieser Epopöe. Einem Buch, das quersteht zu allem, was aktuell in Schreibschulen Jungautorinnen und Schreibeleven an die Hand gegeben wird – kein nacherzählba- rer Plot, keine überschaubare Anzahl von Figuren, keine eingängige Sprache. Das ist nicht per se eine Leistung. Eher schon, derart souverän alle Lese- und Buchmarktveränderungen der letzten Dekaden einfach in den Wind zu schlagen.

Frohburg ist ein Buch, das gleich neben den Bänden des aus Böhmen nach Hessen vertriebenen Peter Kurzeck, zu dem Vespers Prosa in ihrer Ineinssetzung von Gelebtem und Aufgeschriebenem nicht wenig Ähnlichkeit aufweist, einzuordnen ist und den Wanderjahren des so konträren Jürgen von der Wense, in Sichtweite von Hans Henny Jahnns Giga-Roman Fluss ohne Ufer, Johnsons Jahrestagen und der so modernistisch-waghalsigen Trilogie des Scheiterns Wolfgang Koeppens. (Alexander Kluy, Album, 17.3.2016)

Der Roman ist mit dem Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden.

  • Vesper erschreibt sich Frohburg.
    foto: volker poland

    Vesper erschreibt sich Frohburg.

  • Guntram Vesper, "Frohburg". Roman, EURO 35 / 1008 Seiten. Schöffling-Verlag, Frankfurt/Main 2016
    cover: schöffling-verlag

    Guntram Vesper, "Frohburg". Roman, EURO 35 / 1008 Seiten. Schöffling-Verlag, Frankfurt/Main 2016

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