Marie von Ebner-Eschenbach: Niemals Stiefelknecht sein!

12. März 2016, 10:00
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Am 12. März vor 100 Jahren starb die Schriftstellerin in Wien. Eine neue vierbändige Leseausgabe lädt zum Neuentdecken ein

Menschen mittleren Alters, die ein österreichisches Gymnasium erfolgreich hinter sich gebracht haben, können wahrscheinlich von sich sagen: "Ich habe noch Ebner-Eschenbach gelesen." Und in der Erinnerung erwachen Gefühle wie Langeweile und bleierne Müdigkeit.

Jetzt zum hundertsten Todestag von Marie von Ebner-Eschenbach legt der Residenz-Verlag eine vierbändige Leseausgabe ihrer Prosa vor. Das wäre eigentlich die Gelegenheit, zu fragen, was man damals so voll Widerwille in der Schule gelesen hat? Sehr wahrscheinlich die kurze Erzählung Krambambuli. Man erinnert sich?

Das ist die Geschichte eines Jagdhundes, der einem Wilddieb gehört. Der wiederum verkauft seinen treuen Gefährten an den Revierjäger Hopp, weil ihm das Geld zum Saufen ausgegangen ist. Lang braucht es, bis Krambambuli sich an seinen neuen Herrn gewöhnt. Ab da dient er ihm mit hundertprozentiger Hundetreue. Doch eines Tages kommt der Wilddieb zurück. Der Revierjäger stellt den Verbrecher. Gewehrlauf steht gegen Gewehrlauf und jeder der beiden Herren beansprucht die Treue des Hundes.

Krambambuli ist hin und her gerissen, verzweifelt heult er auf – und entscheidet sich schließlich für seinen ersten Herrn. Da fällt ein Schuss, und der Wilddieb und Mörder sinkt ins Gras. Verständlicherweise will nun sein zweiter Herr, der Revierjäger, nichts mehr von Krambambuli wissen – "der Treueste der Treuen, herrenlos!", schreibt Ebner-Eschenbach.

Herrenlos streunt Krambambuli herum und verendet schließlich. Traurig-süß und ein wenig kitschig mag man diese Erzählung finden – und liegt mit diesem Urteil sicher nicht ganz falsch. Man kann aber auch Krambambuli als eine Art Parabel lesen. Bedingungslose Treue steht hier über der Moral. Denn Krambambulis erster Herr ist ein moralisch verwerfliches Subjekt.

Ebner-Eschenbach, geborene Comtesse Dubsky, gehörte in der Habsburgermonarchie der Oberschicht an. Treue Lakaien werden sie umgeben haben, auch erztreue, also solche, die niemals aufbegehrten. Die Autorin hat sich allerdings öfters gefragt, ob man gegen die bestehende Ordnung nicht doch ein wenig revoltieren könne. Einen Krambambuli als Hund hätte sie vielleicht liebgewonnen, einen Krambambuli als Diener hätte sie wohl verachtet.

Damit ist ein wesentliches Moment von Marie von Ebner-Eschenbachs Prosa anvisiert: Sie ist Vertreterin einer realistischen Erzählweise und daher Autoren wie Fontane und Gottfried Keller verwandt. In ihren Romanen und Erzählungen ist fast immer eine soziale Stoßrichtung feststellbar: Kritik am Adel und hohen Bürgertum, damit verbunden ist die Kritik an den Lebensbedingungen der sozial Schwächeren. Und dann tritt Ebner-Eschenbach als adelige Feministin in Erscheinung – nicht im Emma-Kampfanzug, sondern als jemand, der die Rechte der Frauen mittels Literatur einfordert.

Marie von Ebner-Eschenbach hatte ein eigenwilliges Hobby: Sie sammelte Uhren. Und um wirklich eine Kennerin ihrer Passion zu sein, absolvierte sie mit 49 Jahren eine Ausbildung zur Uhrmacherin. Aus dieser Zeit stammt auch die Erzählung Lotti, die Uhrmacherin.

Während um 1880 der Großteil der Frauen in der Land- und Hauswirtschaft arbeitete, ist Lotti eine ausgebildete Handwerkerin. Als unverheiratete bürgerliche Frau tritt sie selbstbewusst auf, handelt und verhandelt für sich selbst. Das sind durchaus utopische Verhältnisse, die da Ebner-Eschenbach in ihrer Erzählung niederschrieb. Die Wiener Uhrmacher verstörte dies allerdings nicht: Sie wählten Marie von Ebner-Eschenbach 1908 zur Fahnenmutter ihrer Innung.

Immer wieder hat Marie von Ebner-Eschenbach versucht, mit ihren literarischen Arbeiten andere Gesellschaftsschichten zu beschreiben als die ihre. Auch in der Novelle Boz ena. Die Titelheldin ist eine Magd, deren Treue und Standfestigkeit letztlich die Familie rettet: Die Starrköpfigkeit des Vaters, eines reichen Bürgers, wird veredelt durch die Warmherzigkeit des Adels.

Im Roman Das Gemeindekind wird ein Geschwisterpaar getrennt: Milada kommt in die Obhut der Baronin, Pavel hingegen zum Dorfhirten. Doch Pavel, dieses Gemeindekind, das ebendiese Gemeinde eigentlich von Beginn an nicht haben will, ist enorm lernfähig. Und so wird er Erfolg haben und den Dorfbewohnern Achtung einflößen. Victor Adler hat der Roman Das Gemeindekind so beeindruckt, dass er die Autorin bat, den Text in der Arbeiter-Zeitung abdrucken zu dürfen. Der Grund: Durch Ebner-Eschenbachs Roman war das Landproletariat erstmals literaturfähig geworden.

Marie von Ebner-Eschenbach musste lange für ihren literarischen Erfolg kämpfen. Auch ihre Familie sah es nicht gern, dass ein Mitglied ihres Standes in den Niederungen der Kunst aktiv zugange war. Schließlich aber avancierte die Autorin zur Grande Dame der deutschsprachigen Literaturwelt. Zum 70. Geburtstag verlieh ihr die Universität Wien als erster Frau das Ehrendoktorat. Unter den Gratulanten aus der Schriftstellerzunft befanden sich nicht nur Weggefährten wie Paul Heyse und Ferdinand von Saar, sondern auch, als Vertreter der jungen Generation, Arthur Schnitzler.

Man mag das als Zugeständnis, als diplomatischen Schachzug innerhalb der Literatenszene werten. Doch vielleicht sah Schnitzler in Ebner-Eschenbach eine Art Seelenverwandte. Denn bei den Arbeiten, in denen die Autorin Frauen ihrer Gesellschaftsschicht beschreibt, verbindet sich die realistische Schreibweise mit einer psychologischen. Man mag ob der psychischen Nöte einer wohlhabenden Bürgersfrau oder einer Comtesse milde lächeln, aber die Stellung der Frau um 1900 hat kaum jemand besser beschrieben als Ebner-Eschenbach. Es ist so, als würde man sagen, Schnitzlers Traumnovelle könne nur in einer Gesellschaft funktionieren, die keinen Hunger kennt. Das ist sicher richtig, besagt aber nur eines: Die Wahrheit ist oft banal, gute Literatur immer komplex.

Eine dumme Geschichte hat die Autorin eine ihrer Kurzerzählungen genannt. Es handelt sich dabei um eine märchenhafte Parabel auf die Stellung der Frau. Einst im Mittelalter lebte ein mächtiger Ritter mit seiner Frau. Wann immer er zurück in seine Burg kommt, wiederholt sich dasselbe Ritual: Er wirft sich aufs Lager und ruft seinem Weibe zu: "Stiefel!" Und dann zieht sie ihm die mit Schmutz verdreckten Schuhe aus. Ein Page des Ritters kann dies nicht länger mit ansehen und erfindet etwas Praktisches: den Stiefelknecht.

Doch, oh Wunder, weder Ritter noch Eheweib sind erfreut. Denn dieses Werkzeug macht die Frau als Dienerin ihrem Herrn entbehrlich. Hundert Jahre später findet ein Nachfahre des Ritters den "Stiefelknecht" wieder. Doch jetzt lässt sich die Ehefrau von der Erfindung überzeugen – und überzeugt ihrerseits den Herrn des Hauses. Aus ist's mit dem Ritual, der hölzerne Diener tut ab nun seinen Dienst. Der arme Mann seufzt nur noch: "O liebe Frau, die Folgen sind unabsehbar".

Demontierte Bürgerlichkeit

Die Frau als "Stiefelknecht" ist für Ebner-Eschenbach ein sozial kodiertes Symbol, das über den konkreten Gegenstand Schuh weit hinausgeht. Die Erzählung Das tägliche Leben setzt mit einer Tragödie ein: Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines gutbürgerlichen Paares hat sich die Frau des Hauses mit einer Pistole umgebracht. Es gibt keinen Abschiedsbrief, keinerlei Erklärung, die Familie steht vor einem Rätsel. Man hat sie doch geschätzt, sie um Rat gefragt, ist sie nicht der Mittel-, Angel- und Ruhepunkt der Familie gewesen? Diese Fragen nimmt die Erzählerin auf, gibt Antwort, indem sie die angeblich heile bürgerliche Welt demontiert.

Als Frau und Mutter hat die Selbstmörderin sich den Problemen der anderen gestellt, ihre eigenen Probleme blieben ungehört. Wer sie als eigenständiges Subjekt war, was sie als Frau dachte, wünschte, ersehnte, wurde nie in Betracht gezogen. Die Konsequenz: "Das ihr vom Schicksal täglich gereichte Leidensbrot wurde ihr endlich ungenießbar, ihre jahrelang geübte Seelenstärke versagte plötzlich, und sie erlag." Anders gesagt: Sie wollte kein "Stiefelknecht" mehr sein und warf sich weg.

Novellchen in Korrespondenzkarten lautet der Untertitel der Geschichte Die Poesie des Unbewussten. Ein seltsamer Titel, doch die kleine Novelle hat es in sich. In Kurzbriefen wird von einer jungen Frau berichtet, die gerade verheiratet wurde und nun fern ihrer Familie auf dem Schloss ihres Mannes lebt. Sie ist unsicher und wird es von Tag zu Tag mehr. Denn ihr Ehemann gibt sich wortkarg, und ihre Mutter antwortet auf die Bitten, ihr zu helfen, mit harter Anweisung: Unterwirf dich diesem "fremden Herrn", denn du bist seine Dienerin. Die junge Frau tut dies aber nicht, sondern versucht auf höchst naive, zugleich auf unbewusst richtige Weise, sich ihrem Mann anzunähern.

Und mit der Zeit erfährt sie: Dieser "fremde Herr" schuftet als Fabriksdirektor schwer, eine Liaison mit einer Gräfin wird ihm fast zum Verhängnis. Kein Wunder, dass er schweigsam ist. Schließlich gelingt es der Frau, zu zeigen, dass sie seine Partnerin ist und dass man gemeinsam die Probleme angehen sollte. Da brechen die Dämme, und ein Eisberg von einem Mann schmilzt dahin in Liebe.

Bei Ebner-Eschenbachs längeren Prosaarbeiten ist es nicht immer klar, ob man die Bezeichnung Novelle, Erzählung oder Roman zu wählen hat. Doch was für ein Gattungsmerkmal man immer auch dem Text Unsühnbar geben will, es ist ein großartiges Stück Literatur – das ist Weltliteratur. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau: Maria Comtesse Wolfsberg. Sie ist im ehefähigen Alter und weiß, dass sie standesgemäß heiraten muss. Die kunstsinnige junge Frau hat zwar ihren eigenen Kopf, aber gegen den Willen des Vaters hat sie keine Chance.

Ein wenig vernarrt hat sie sich in den Grafen Tessin, er macht ihr Avancen, doch für den Vater, Graf Wolfsberg, kommt dieser Mann nicht infrage. Dieser Tessin ist ja auch ein bisschen ein Windhund und Frauenliebhaber. Wolfsbergs Favorit ist Graf Dornbach, ein Biedermann, wie er im Buche steht. Maria folgt dem Rat ihres Vaters auch deswegen, weil sie einander verstehen, die väterliche Liebe ersetzt die eigene Einschätzungskraft, die ihr einfach fehlt. Man könnte auch sagen: fehlen soll.

Denn Ahnungslosigkeit in Beziehungsangelegenheiten und sexuelle Unerfahrenheit sind Garanten dafür, dass sich die junge Frau ihrem Mann unterwirft. Doch Ebner-Eschenbach ist eine gewiefte Autorin. Nein, dieser Graf Dornbach ist kein Despot oder Adelsmacho, sondern ein wahrhaft Liebender. So fügt sich Maria in ihr Schicksal, verlebt eine sorgenfreie Zeit auf seinen Gütern und schenkt ihm einen Sohn. Kann adeliges Leben schöner sein?

Der Leser von Ebner-Eschenbachs Prosatext merkt, dass im Hause Wolfsberg einige tragende Säulen morsch sind. Letztlich wird die gesamte Adelsgesellschaft als brüchiges Bauwerk entzaubert. Graf Wolfsberg weiß das auch: Als er eine Gruppe frischgebackener Leutnants erblickt, lässt er sich zu einer Hasstirade auf seine eigene Klasse hinreißen: "Die Burschen sind alle nach demselben Rezept eingetunkt und steif glaciert in Eleganz." Seine Schwester, Marias Tante und Ersatzmutter, hat ähnliche Gedanken: Als überzeugte Atheistin will sie nicht glauben, "dass ein vernünftiger Mensch fromm sein könne, es wäre denn ein Dienstbote, ein Bauer oder ein Prinz".

Kritisch erfasst die Autorin auch die Lust des Adels am Jagen. Maria nimmt mit ihrem Mann an einer Treibjagd teil. Alle ergötzen sich am Abschlachten von Kleinvieh. Marie von Ebner-Eschenbach lässt ihrer Maria von Dornbach eine viel düsterere Wahrnehmung der Jagdszene zuteilwerden: "Die Strecke bedeckt sich mit totem, verendendem, verstümmelten Getier. Es düngt den Boden mit seinem Schweiße: es wird geknickt, erwürgt; die Treiber binden ihm die Hinterläufe zusammen und beladen ihre Stöcke mit der noch zuckenden Beute."

Maria wird sich ein einziges Mal dem Grafen Tessin hingeben, eine "Naturgewalt" sei da im Spiel gewesen. Die Folgen dieser Elementarkraft sind weitreichend. Maria wird sie offen austragen, bis zum bitteren Ende. Sie ist die einzige Figur in Unsühnbar, für die Moral und Ethik mehr ist als bloß ein Jeton im Roulettespiel des Lebens. Ebner-Eschenbach hat auch Aphorismen geschrieben, einer lautet: "Mitleid ist Liebe im Negligé." Durch den fein gesponnenen Stoff ihrer realistisch-psychologischen Erzählkunst schimmern die Nöte der Menschen. Ohne Zweifel: Ohne die Prosa der Marie von Ebner-Eschenbach wäre die Literatur um vieles ärmer. (Andreas Puff-Trojan, Album, 12.3.2016)

Marie von Ebner-Eschenbach, "Leseausgabe", 4 Bände, hrsg. v. Evelyn Polt-Heinzl, Daniela Strigl und Ulrike Tanzer. € 75,- / 1400 Seiten. Residenz, Salzburg 2016

Marie von Ebner-Eschenbach, "Unsühnbar." Roman mit einem Nachwort von Sigrid Löffler. € 23,60 / 346 Seiten, Manesse, München 2016

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