Dm gegen Apotheke: Streit schwelt weiter

11. März 2016, 10:26
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Rezeptfreie Medikamente sollen bei dm verkauft werden dürfen – Klage befeuert Diskussion mit den Apotheken

Die Drogeriemarktkette dm zeigt sich bei ihren Bemühungen, in Zukunft rezeptfreie Medikamente verkaufen zu dürfen, kämpferisch. Konsumenten könnten sich von mehr Wettbewerb substanzielle Preissenkungen erwarten, sagte dm-Geschäftsführer Harald Bauer am Freitag zur APA. Die Apothekerkammer solle bei ihrer Kritik an den Plänen von dm die Kirche im Dorf lassen.

"Konsumenten haben in den Apotheken keinen Überblick über die Produkte am Markt. Sie werden in diese Richtung auch nicht beraten. Wenn die Kunden von sich aus keine Generika nachfragen, werden ihnen diese auch nicht angeboten und es wird kein Druck auf die Marken aufgebaut – weder beim Preis, noch bei der Innovation. Wir wollen dieses System durchbrechen", betonte Bauer.

Zentrale Argumente der Apothekerkammer – Beratung und Schutz vor Missbrauch – stellte er dabei in Zweifel. "Nicht verschreibungspflichtige Medikamente sind in der Regel den Verbrauchern bekannt und in den meisten Haushalten vorrätig, etwa Supradyn, Bephanthen-Salbe, Nicorette-Kaugummi oder Aspirin."

Zank um Beratung

Auch Apotheken könnten nicht kontrollieren, für wen ein Produkt gekauft wird, wer es einnimmt und ob es nicht zu lange, zu kurz, in zu hoher oder zu geringer Dosis, nicht nach der Verfallsfrist und nicht gemeinsam mit kontraindizierten Arzneimitteln eingenommen wird.

"Das Argument Beratung wird von der großen Mehrheit der Bevölkerung als Scheinargument wahrgenommen. Das weiß jeder aus eigener Erfahrung." Von dm durchgeführte Testkäufe in Apotheken und im Internet seien vielleicht statistisch nicht repräsentativ, hätten aber gezeigt, dass in keinem einzigen Fall nachgefragt wurde.

Seit Juni 2015 ist in Österreich der Online-Versand von Arzneimittel durch Apotheken legal. "Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist das Argument Arzneimittelsicherheit für die Rechtfertigung des Monopols nicht mehr haltbar." Eine fakultative pharmazeutische Beratung auf Nachfrage, zu der Internet-Apotheken verpflichtet sind, könne dm in gleicher Qualität bieten, etwa per E-Mail oder Telefon. "Wir haben jetzt bereits Anfragen von Pharmazeuten, die mit uns in diesem Vorhaben zusammenarbeiten wollen."

Ein Frage des Umsatzes

Auch wirtschaftliche Sorgen der Apotheken will dm nicht gelten lassen und stützt sich auf ein Gutachten des Wiener Verfassungsrechtlers Heinz Mayer. Dieser kommt zu dem Schluss, dass rund acht Prozent des Gesamtumsatzes der Apotheken auf nicht rezeptpflichtige Arzneimittel im Sinne des Arzneimittelgesetzes (AMG) zurückfallen. "Allfällige Umsatzeinbußen im Falle einer Marktöffnung für Drogisten würden sich in Bezug zum Gesamtumsatz nur marginal auswirken", betonte Bauer.

Auch Ängste um Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen kann Bauer nicht nachvollziehen. "dm-Filialen gibt es erst dort, wo sich 15.000 Menschen im Einzugsgebiet befinden. Kleine Apotheken werden viel eher durch Online-Apotheken gefährdet". Statt am Monopol festzuhalten, sollten die Apotheken die Marktöffnung als Chance sehen. "Die Marktliberalisierung in den Niederlanden 1999 hat etwa gezeigt, dass sich die Apotheken durchaus behaupten konnten."

Bauer äußerte sich im APA-Gespräch auch zum Wunsch des Handelsverbands, dass auch in Supermärkten rezeptfreie Medikamente verkaufen werden können. "Ich sehe den Vorstoß gelassen. Wenn die Liberalisierung für den ganzen Handel gilt, haben wir mit den ausgebildeten Drogisten einen Wettbewerbsvorteil."

Causa am Verfassungsgericht

Allerdings sei die Sonderstellung der Drogerien schon jetzt im Arzneimittelgesetz geregelt – nicht zuletzt deshalb, weil die Ausbildung der Drogisten über weite Strecken parallel zu den pharmazeutisch-kaufmännischen Assistenten aufgestellt sei. "Die Bundesregierung hat nur bisher ihren Spielraum nicht genutzt."

dm hat am 29. Februar einen Individualantrag beim Verfassungsgerichtshof eingebracht, um rezeptfreie Medikamente verkaufen zu dürfen. Die Drogeriekette will Medikamente deutlich billiger anbieten als in Apotheken. Auch wenn das Unternehmen mit einer Verfahrensdauer von rund zwölf Monaten rechnet, laufen bereits die Vorarbeiten: "Beschaffung, Logistik, Beratung und die Schulung von Mitarbeitern werden vorbereitet", erklärte Bauer. (APA, 11.3.2016)

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