Robert Seethaler: Ein Mann, der sich die Sätze schnitzt

Kopf des Tages10. März 2016, 17:00
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Der Wiener Schriftsteller und Schauspieler ist für den Booker Prize nominiert

Auf den breiten Bürgersteigen von Berlin könnte man, wenn man darauf achten würde, nicht selten einen schlanken Österreicher spazieren gehen sehen. Er ist seit bald 20 Jahren in der Stadt – und er hat einen Beruf, dem das Gehen sehr zuträglich ist: Robert Seethaler ist Schriftsteller – und Schauspieler, was sich gut verträgt.

Er wird als ein stiller Zeitgenosse beschrieben, als ein Flaneur, wie es ihn in den Großstädten seit dem 19. Jahrhundert gibt. Seine Bücher haben manchmal einen Ton, der aus dieser Zeit zu kommen scheint: "An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger ..." So beginnt "Ein ganzes Leben", in dem er die Geschichte von zwei einfachen Leuten erzählt, eigentlich aber die Geschichte des Alpenlands Österreich, wie es modern – und dabei immer härter – wird.

"Unschöne Tage" hätte das Buch auch gut heißen können. Nun wurde Seethaler wegen "Ein ganzes Leben" für den Man Booker Prize nominiert, und zwar für den internationalen, also für einen der größten Literaturpreise der Welt.

Das Schreiben war Robert Seethaler nicht in die Wiege gelegt. Er gehört aber zu jener Generation, die in Österreich die größten Bildungserfolge zu verzeichnen hat. Geboren 1966 in Wien, "der Vater Installateur, die Mutter Sekretärin, der Großvater ein Teerarbeiter. Und nun versuche ich, Sätze aus dem Holzklotz meines Geistes zu schnitzen." So hat er seine Biografie einmal pointiert zusammengefasst.

Dass er von Geburt an sehr schlecht gesehen hat, taucht als Motiv immer wieder auf. Er sieht sich als jemanden, der nicht erfindet, sondern innere Bildwelten zu Papier bringt. Ein Psychologiestudium, das er spät noch auf sich nahm, brach er ab, weil er erkannte, dass er vom Seelenleben viel besser erzählen kann.

"Der Trafikant", ein Freud-Roman, war ein riesiger Erfolg. Debütiert hatte er 2006 mit "Die Biene und der Kurt", einer skurrilen Provinzodyssee, die er neben seiner Arbeit als Schauspieler schrieb. 1998 tauchte er in Niki Lists "Helden in Tirol" auf, über diverse kleine Rollen fand er in der ZDF-Krimireihe "Ein starkes Team" eine kontinuierliche Aufgabe. 2008 schrieb er das Drehbuch für "Die zweite Frau" von Hans Steinbichler.

Seine vielen Talente muss er nun mit Leseterminen koordinieren, die demnächst sicher international zunehmen werden. Außerdem hat Robert Seethaler einen Sohn im Volksschulalter. Die Zeit zum Flanieren könnte allmählich kostbar werden. (Bert Rebhandl, 10.3.2016)

  • Für den Booker Prize nominiert: Robert Seethaler.
    foto: apa/dpa-zentralbild/arno burgi

    Für den Booker Prize nominiert: Robert Seethaler.

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