"Evita": Schrei nicht um mich, Argentinien!

10. März 2016, 16:47
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Überlaute Premiere von Andrew Lloyd Webbers Musical: Regisseur und Choreograf Vincent Paterson sorgt immerhin für eine gediegene Fusion von Gruppenszenen und intimen Momenten eines Politpärchens

Wien – Intensität ist ein kostbares Musiktheatergut. Eigentlich das kostbarste. Kommt bei Aufführungen allerdings die Sehnsucht nach Trommelfellschutz auf, ist es ein Hinweis auf das Bestreben, Intensität mit Mitteln der Dezibelverschwendung zu erzwingen. Ebendies geschah im Ronacher bei der Premiere von Andrew Lloyd Webbers Evita. Für die kommenden Vorstellungen ist – im Sinne des Gesundheitsschutzes wie auch der Attraktivität der Aufführung – kalmierendes Drehen am Lautstärkeknopf zu erflehen.

Es zog dieses in erheblichen Teilen düstere Werk, bei dem ein "kritischer" Zeuge namens Che die biografischen Evita-Themen vorgibt, lange Zeit wie ein rasender Erzählzug vorbei, der sich selbst zu übertönen sucht. Zwischen Beginn (Eva Peróns Begräbnis) und Ende (ihr Siechtum samt ihrem Krebstod) ergab sich denn auch zu viel an trommellastiger Aufdringlichkeit. Rätselhaft bei der verbürgt hohen Qualität des Orchesters.

Intime Szenen

Zweifellos jedoch war – durch das Dickicht des akustischen Überengagements hindurch – die Professionalität der Regiearbeit zu erkennen: Choreograf und Regisseur Vincent Paterson bindet Gruppentanz und intime Szenen ohne Tempoverlust aneinander. Mit bisweilen satirischer Figurenzeichnung lässt er Generäle zu Schießbudenfiguren werden oder Vertreter der "Upperclass" zu – ihren Widerwillen gegen Eva eckig vermittelnden – Puppen.

Das koaliert stringent mit dem Duktus der Musik und sorgt für pointierte Kontrapunkte zum natürlich oberflächlich erzählten Karrieredurchmarsch einer Dame, die – wie ihr nazifreundlicher Gatte – im wahren Leben wohl politisch eher ambivalent war.

Das Musical ergibt sich der Ikonenverehrung nicht zu 100 Prozent. Der Erzähler soll einen Kontrapunkt bilden, als Evitas innerer Advocatus Diaboli womöglich oder zumindest ihr kleines schlechtes Gewissen. Und als dieser Che liefert Drew Sarich die ausgewogenste, stimmlich profundeste Performance.

Er ist dabei, wie Eva den ersten Tangosänger ihres Lebens betört. Er ist dabei, wenn Eva hoch oben auf einem Treppengerüst mit Juan Perón dessen Schlafzimmer betritt und eine Vorgängerin verscheucht. Er ist Zeuge und Opfer von Polizeigewalt und glanzvollen Auftritten der resoluten Dame, die auf Hinweise zu ihrer volksnahen Herkunft eher unwirsch reagiert, um schließlich todkrank in den Armen von Juan Perón (respektabel Thomas Borchert) zu landen.

Katharine Mehrling spielt resolut, straff und verfügt über ein markantes, herbes Timbre. Sie klingt ein bisschen wie Popchansonnière Patricia Kaas. Es ließe sich aber ebenso behaupten, sie tönte wie Maria Bill, die Édith Piaf singt und dabei an Schlagerveteranin Mireille Mathieu denkt. Eine eigenwillige Mixtur also, die Geschmackssache ist. Eine solide Leistung war das jedoch allemal.

Als Evitas Kräfte nachlassen, wird natürlich auch ihre Stimme brüchig, doch nicht immer scheint dies im Rollenverständnis begründet. Es ist halt eine Schwerstpartie: Evita ist Rockröhre, Sprechsängerin, es wurden ihr explosive Höhen hineinkomponiert wie auch zarte Piani. Und während Mehrling Grelles gelang, blieb Subtiles eben unterbelichtet. Evita wurde oft Teil dieses lärmenden Ganzen, das sich bei der akklamierten Premiere hoffentlich ausgetobt hat und Treppen, Tribünen wie das schwebende Zimmer des Paars in Hinkunft nicht mehr akustisch erschüttern muss. (Ljubisa Tosic, 10.3.2016)

  • Rasender Aufstieg, Ruhm und viel Macht – doch ein sehr kurzes Leben: Musicalfigur Eva Perón (Katharine Mehrling).
    foto: apa/herbert neubauer

    Rasender Aufstieg, Ruhm und viel Macht – doch ein sehr kurzes Leben: Musicalfigur Eva Perón (Katharine Mehrling).

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