Sprachbarriere erschwert medizinische Versorgung von Flüchtlingen

10. März 2016, 13:45
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Für Gespräche mit Patienten fehlen Ärzten oft gute Dolmetscher. In einem Fall konnte ein Mediziner einen Selbstmord nicht verhindern

Wien – Die Tatsache, sozialversichert zu sein, gewährleistet Asylwerbern noch keine medizinische Versorgung, wenn sie das Gesundheitssystem und die von Ärzten und Pflegepersonal gesprochene Sprache nicht verstehen. Darauf wies Thomas Wochele-Thoma, ärztlicher Leiter der Caritas Wien, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Thema Patienten- und Mitarbeitersicht im Rahmen der Flüchtlingshilfe hin.

Knapp 90.000 Menschen haben 2015 in Österreich Asylanträge gestellt und sind damit versichert. Die Flüchtlinge bzw. Asylwerber stellen das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Das ist nicht allein die Zahl der zusätzlichen Patienten, die zu versorgen sind. Es geht auch um früher in Österreich selten aufgetretene Krankheitsbilder in Folge von Traumatisierungen und/oder Folter im Heimatland und Belastungen durch Flucht und den ungewissen Aufenthaltsstatus in Österreich sowie sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen Patienten und Behandlern.

Suizidgefahr nicht erkannt

Dass die Sicherheit von Patienten und der Mitarbeiter des Gesundheitswesens Hand in Hand geht, veranschaulichte die Geschäftsführerin der Plattform Patientensicherheit, Maria Kletecka-Pulker, an einem Beispiel: Ein Patient beging Selbstmord, nachdem er von einem Psychiater nach Hause geschickt worden war. Der Mediziner war aufgrund der Sprachbarriere nicht imstande, den hohen Grad der Suizidgefährdung des Mannes zu erkennen. Die Witwe steht mit den Kindern nun allein da. "Nicht nur die Hinterbliebenen sind traumatisiert, sondern auch der Arzt", sagte Kletecka-Pulker. Der Mediziner ist nun mit Schadenersatzforderungen konfrontiert.

"Wir haben nicht genügend professionelle Dolmetscher vor Ort, weil der Bedarf nicht planbar und nicht leistbar ist", sagte die Juristin. Das System des Videodolmetschens hat sich zwar bewährt, ist aber aus technischen und finanziellen Gründen nicht flächendeckend verfügbar. 300 Dolmetscher stehen auf diese Weise laut Kletecka-Pulker auf diese Weise im europäischen Raum zur Verfügung, Arabisch wird nun rund um die Uhr angeboten.

Sicherheitspersonal gefordert

Caritas-Mediziner Wochele-Thoma, selbst Psychiater, sprach von "Wahnsinnsentscheidungen, die Ärzte treffen müssen. Die Situation ist zunehmend unerträglich." Nicht allein Mediziner, auch das Pflegepersonal ist im Umgang mit den Patienten gefordert – und in Sachen Sicherheit, wie die Präsidentin des Krankenpflegeverbandes, Ursula Frohner, sagte. Eine volle Ambulanz, in der nicht des Deutschen mächtige Patienten zum stundenlangen Warten gezwungen sind, kann schon zu brenzligen Situationen führen. "Man sollte Sicherheitspersonal zur Verfügung stellen. Dadurch könnten bestimmte Situationen gar nicht erst eskalieren", erklärte Frohner.

Wochele-Thoma, auch Mitbegründer der "Medical Aid for Refugees", machte auf ein Problem aufmerksam, das in Kürze akut werden könnte: Durch die Einführung von Flüchtlings-Obergrenzen bedingte steigende Zahl an Menschen, die mit Hilfe von Schleppern nach Österreich kommen und keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. "Die medizinische Versorgung endet bei keiner Obergrenze", hielt Wochele-Thoma fest. Offen sei die Frage, wer die Ärzte unterstützt, die sich um diese Menschen kümmern. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich die Situation in Österreich wieder zuspitzen wird", mahnte der Caritas-Mediziner.

180 syrische Ärzte

180 syrische Ärzte seien im Rahmen der Flüchtlingswelle nach Wien gekommen, sagte Psychiater Thomas Wenzel von der MedUni Wien. Ein Teil von ihnen hätte bereits Asyl bekommen. Wenzel hält es für sinnvoll, diese Ärzte in die Versorgung einzubinden, äußerte aber die Befürchtung, dass viele von ihnen abwandern: Die Nostrifikation, also die Anerkennung des ausländischen Studienabschlusses, dauere in Österreich wesentlich länger als in Deutschland. (APA, 10.3.2016)

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