EZB senkt Leitzins erstmals auf 0,0 Prozent – Strafzins für Banken erhöht – 80 Milliarden Euro werden monatlich in Markt gepumpt

10. März 2016, 18:20
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Banken können künftig mit der Kreditaufnahme bei der EZB sogar Geld verdienen – EZB stockt Anleihenkäufe auf

Wien – Es war kurz vor dem Ende seiner mit Spannung erwarteten Pressekonferenz am Donnerstag in Frankfurt, als sich der ansonsten so gefasste Mario Draghi doch noch zu einem Seitenhieb hinreißen ließ. Bei aller Kritik an der Geldpolitik der von ihm geführten EZB solle man bedenken, wie fatal es wäre, wenn die EZB nichts unternehmen würde.

Bliebe die Zentralbank untätig, würde das zu einer "desaströsen Deflation" in der Eurozone führen. Eine "Nein zu allem"-Politik werde es mit ihm nicht geben, sagte Draghi, wobei er die Worte bewusst auf Deutsch aussprach. Denn die großen Neinsager in Europa sind in den Augen Draghis derzeit die vielen deutschen Ökonomen, Analysten und Bankvorstände, weil sie die EZB wegen ihrer ultralockeren Geldpolitik wieder und wieder attackieren.

Aggressivere Strategie

Die Empörung in Deutschland dürfte nach dem EZB-Entscheid am Donnerstag weiter ansteigen. Denn die Zentralbank wird künftig eine noch aggressivere Strategie verfolgen:

  • Zunächst wird der Leitzins, zu dem sich Banken kurzfristig Geld bei der EZB borgen können, von bisher 0,05 Prozent auf nunmehr 0,0 Prozent abgesenkt.

  • Zugleich wird das seit März 2015 laufende Anleihenkaufprogramm aufgestockt. Statt bisher monatlich 60 Milliarden Euro wird die EZB ab April monatlich 80 Milliarden Euro ausgeben. Hauptsächlich erwirbt die Notenbank weiter Staatsanleihen von Euroländern. Neu kommen aber auch Unternehmensanleihen von Nichtbanken hinzu, sofern diese in Euro begeben wurden.

  • Die größte Überraschung betrifft aber die Kreditvergabe. Zentrale Aufgabe der Währungshüter ist es, Banken ständig mit der notwendigen Liquidität, also mit Geld, zu versorgen. Hier gibt es eine Neuerung: Erstmals ermöglicht die EZB privaten Banken die Kreditaufnahme zu negativen Zinsen. Sprich: Die Banken können sich Geld bei der EZB ausborgen und müssen weniger zurückzahlen. Der negative Zinssatz kann auf maximal minus 0,4 Prozent sinken.

Revolution

Negativzinsen sind eine Revolution in der Finanzwelt. Lange Zeit galt in der ökonomischen Theorie, dass Kreditzinsen nicht unter null sinken können. Die Krise hat das geändert. In der Eurozone waren Kreditzinsen der EZB bisher immer positiv. Schweden hat mit einer negativen Rate bereits experimentiert.

Nun erreicht das Experiment die Eurozone, wobei es hier eine wichtige Einschränkung gibt. Die EZB lädt die Banken im Juni 2016 und im März 2017 dazu ein, sich Geld bei ihr für vier Jahre zu holen, und zwar zum neuen Leitzinssatz von null. Nur wenn die Banken dann bis zu einem Stichtag, dem 31. Jänner 2018, ihre Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen um 2,5 Prozent gesteigert haben, können sie vom Negativzins profitieren.

  • Die Maßnahme der EZB dient auch dazu, Banken für den Strafzins zu entschädigen. Kreditinstitute in der Eurozone sind verpflichtet, überschüssige Liquidität, also Gelder, die sie nicht für Kunden brauchen, auf Konten bei der EZB zu parken. Auf bei der EZB geparkte Gelder wurde bisher ein Strafzins von 0,3 Prozent fällig. Dieser Satz steigt nun auf 0,4 Prozent an. Die Idee dahinter aus Sicht Draghis: Banken sollen ihr Geld aktiv nutzen, um Kredite an Unternehmen zu vergeben.

"Kühnes" Paket

Experten bewerten die neuen Maßnahmen unterschiedlich. Viele sprechen von einem "kühnen" Paket. Für Zsolt Darvas vom Brüsseler Thinktank Bruegel sind vor allem die Aufstockung der Anleihenkäufe und die Einführung der Negativzinsen bei Bankkrediten "vielversprechende Schritte", um die Wirtschaftsleistung und damit die Inflation im Euroraum zu beleben.

Wobei Darvas davon ausgeht, dass nicht alle Kreditinstitute gleichermaßen von den Negativzinsen profitieren werden. Banken in den südlichen Euroländern dürften sich seiner Einschätzung nach mehr Geld von der EZB holen als deutsche Institute, die auch auf andere günstige Finanzierungsquellen zurückgreifen können. Seine Kollegin Silva Merler sieht die Negativzinsen ebenso als Instrument mit dem größten Potenzial. "Aber man wird sehen müssen, wie sie wirken", so Merler. Die EZB peilt eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an. Aktuell liegt die Inflationsrate bei minus 0,2 Prozent. (András Szigetvari Alexander Hahn, 10.3.2016)

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  • Im letzten Licht des Tages lässt eine fotografische Langzeitbelichtung am 06.07.2015 die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main vor der Bankenskyline aufragen. Die Lichtstreifen auf dem Main stammen von einem vorbeifahrenden Schiff.
    foto: apa

    Im letzten Licht des Tages lässt eine fotografische Langzeitbelichtung am 06.07.2015 die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main vor der Bankenskyline aufragen. Die Lichtstreifen auf dem Main stammen von einem vorbeifahrenden Schiff.

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