Janko: "Früher war alles chaotischer"

Interview10. März 2016, 10:40
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Er war schon fast weg, nun stürmt Marc Janko für den FC Basel. In der österreichischen Nationalmannschaft baut Teamchef Koller ohnehin auf ihn. Ein Gespräch über Statik, Statistik und die Macht der Gedanken

Die Rotblau-Bar ist gut besucht, als Marc Janko sie betritt. Im Stadionbistro des FC Basel gehört der Vereinsbezug zum Programm: Rot-blaue Theke, nummerierte Klappstühle, simulierte Stadionatmosphäre. Ein paar Gäste verrenken die Hälse, um verstohlen einen Blick auf den österreichischen Teamstürmer zu werfen. Ein paar Meter weiter hat der 1,96 Meter große Angreifer gestern mit dem FC Basel 3:0 gegen Luzern gewonnen. Janko blieb ohne Torerfolg. "Ich habe viel für die Mannschaft gearbeitet", sagt er, und es klingt wie eine Verteidigung. Weil er sich selbst an Toren misst und seit jeher daran gemessen wird.

ballesterer: Warum haben Sie es sich im Sommer nicht einfach gemacht und sind zur Austria gegangen?

Marc Janko: Weil die Ambitionen hier größer sind und das Level einfach ein anderes ist. Ich kann mit Basel im Jahr vor der EM international spielen, bei der Austria nicht. Ich glaube auch nicht, dass die Wahl auf Unverständnis in der Öffentlichkeit gestoßen ist. Bei allem Respekt – Basel ist vom internationalen Renommee eine andere Adresse als die Austria.

ballesterer: Dabei ist die interne Konkurrenz in Basel sicher größer. War das für Sie kein Risiko?

Janko: Für mich ist das nie ein Kriterium gewesen, um nicht zu einem Klub zu gehen. Ich habe mir auch hier von Anfang an realistische Chancen eingeräumt. Natürlich hängt es auch davon ab, ob der Trainer dich und deine Spielweise mag. Aber das sollte man ja vor einem Wechsel abklären. Und dann muss man kämpfen. Das ist im Fußball wie im Leben – vor dem habe ich noch nie Scheu gehabt.

ballesterer: Zuvor sind Sie bei Trabzonspor am Abstellgleis gestanden, in Sydney waren Sie aus dem europäischen Fokus verschwunden. Haben Sie gedacht, dass es noch einmal für einen Klub von diesem Format reichen würde?

Janko: Sydney war zum damaligen Zeitpunkt meine einzige gute Option. Ich habe mir vorgenommen, das Beste daraus zu machen und, falls es mit Europa nicht mehr klappen sollte, das Leben zu genießen. Dort ist das ja nicht schwer. Im Nachhinein war es genau der richtige Schritt, um sportlich wieder auf die Beine zu kommen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass ich den Sprung zu einem solch renommierten Klub schaffe.

In seinem ersten Halbjahr in Basel hat Janko in der Meisterschaft 13-mal getroffen – er ist der Toptorschütze, lokale Medien nennen ihn "Strafraumkobra". Doch wenn man sich auf der Straße umhört, sagen die Leute nicht "super Stürmer", sondern "angenehmer Geselle" und "sehr überlegt". Ein Passant sagt: "Er wirkt bodenständig, der passt zu uns."

ballesterer: Man muss nicht lange hier sein, um die Verwurzelung des FC Basel in der Stadt zu bemerken.

Janko: Es ist ähnlich wie damals bei Twente Enschede, auch dort hat die ganze Region mit dem Verein mitgefiebert. Zu Weihnachten war ich beim Weihnachtslunch, einem Treffen von zwei Spielern mit Leuten aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Bei solchen Gelegenheiten kommt man mit der Bevölkerung in Kontakt. Da habe ich schnell gemerkt, dass der FC Basel sowohl beim Banker als auch beim Müllmann wahnsinnig im Herzen verankert ist.

ballesterer: Werden Sie auf der Straße erkannt?

Janko: Ja, das hat wahrscheinlich auch mit meiner Körpergröße zu tun. Ich bin jetzt nicht einer, der sich in Fußgängerzonen wahnsinnig gut verstecken kann. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich in der Öffentlichkeit unerkannt. Das ist aber schwierig, wenn man öfters im Fernsehen zu sehen ist oder in Zeitungsartikeln auftaucht. Das ist eben ein Teil des Berufs.

Janko wählt seine Worte mit Bedacht, ist dabei durchaus eloquent. Dennoch wirkt seine Miene manchmal fast stoisch, seine Gestik ist kaum wahrnehmbar. Es gibt Momente, da weiß man nicht, ob er sich auf die Antworten konzentriert oder sich langweilt.

ballesterer: Sie kommen jetzt und in Interviews nach Spielen immer sehr korrekt, fast analytisch rüber. Was braucht es, damit Sie auch einmal aus der Haut fahren?

Janko: Dazu braucht es schon einiges. Ich habe in meiner Karriere bisher eine einzige Rote Karte bekommen, im Spiel gegen Moldawien. (Wenige Tage nach dem Interview sah Janko im Meisterschaftsspiel bei GC Zürich seine zweite Rote Karte, Anm.). Das war eine Affekthandlung, eine Abwehrreaktion nach einem Schlag in meine Magengegend.

ballesterer: Und trotzdem treffen Sie auf dem Feld auf Verteidiger, die schon richtige Krätzen sein können.

Janko: Mit Worten kann man mich nicht aus meiner Mitte bringen. Wenn es körperlich schmutzig wird, ist das etwas anderes. Da hoffe ich, dass der Schiedsrichter das unterbindet. Schlimm ist es nur, wenn ein Schiedsrichter so etwas sieht, aber nicht darauf eingeht. Wir haben damals mit Twente bei Inter gespielt, da hat mir der Marco Materazzi immer wieder seinen Ellbogen auf den Schädel gedroschen. Dann sagt der Schiedsrichter zu mir: "Sorry, das ist der Inter-Bonus, da kannst du reklamieren, was du willst."

Mit sieben Treffern in der abgelaufenen EM-Qualifikation schoss Janko das österreichische Nationalteam erstmals zu einer EM-Endrunde. Er lacht von Titelblättern, über 100.000 Fans gefällt seine Facebook-Seite, das "Profil" nannte ihn vor Kurzem einen Nationalhelden. Das war nicht immer so. 2010 wurde Janko beim EM-Qualifikationsspiel in Salzburg gegen Kasachstan bei seiner Auswechslung lautstark ausgepfiffen, in Wien erging es ihm ähnlich. Teamchef Marcel Koller wurde immer wieder gefragt, warum er an Janko festhalte – zuerst weil der Stürmer kaum Spielpraxis hatte, später, weil er aus Australien anreisen musste. Richtig impulsiv wird Janko nur, als es im Interview um die Rückendeckung des Teamchefs geht. Ja, bei vielen anderen Trainern wäre er weg vom Fenster gewesen, sagt Janko. Aber er habe das Vertrauen in Form von Toren zurückgezahlt. Und dann wieder dieser Satz: "Ich war nie ein Sozialprojekt von Marcel Koller."

ballesterer: Sie sagen oft, dass Sie kein Sozialprojekt des Teamchefs sind. Was meinen Sie damit?

Janko: Ich wähle den Ausdruck deswegen so oft, weil es nicht so hingestellt werden soll, dass ich aus Mitleid einberufen worden wäre. Der Trainer sieht die Stärke und das Potenzial der Spieler und will das rauskitzeln. Bei mir hat er das unter anderem mit seiner Rückendeckung geschafft. Der Erfolg gibt ihm nun Recht, aber es hätte auch nach hinten losgehen können.

ballesterer: Haben Sie immer gern im Nationalteam gespielt?

Janko: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nach den Spielen immer wahnsinnig froh nach Hause gefahren bin. Natürlich ist man unzufrieden, wenn man nicht so gute Leistungen bringt und der Erfolg ausbleibt. Jetzt herrscht eine andere Stimmung. Solche Zeiten sind natürlich viel schöner, als wenn 5.000 Zuschauer ins Happel-Stadion kommen und die Hälfte davon pfeift. Das ist kein schönes Erlebnis, aber es hat schon ganz andere Spieler gegeben, die das auch durchmachen mussten. Die sind auch noch am Leben.

ballesterer: Der Mythos von den elf Freunden scheint im Nationalteam derzeit Realität zu sein. Aber im Kader sind mehr als elf Spieler, und jeder will spielen. Rivale und Freund zugleich – geht das überhaupt?

Janko: Das ist eben das Faszinierende. Es hat von den Spielern, die nicht so oft zum Zug gekommen sind, nie negative Strömungen gegeben. Der Teamerfolg ist wichtiger als der eigene. Man hat in verschiedenen Momenten der Qualifikation gesehen, wie der eine für den anderen eingesprungen ist. Auch wer nicht so oft spielt, hat großen Anteil am Erfolg. Gibt es Spieler, die negative Stimmung machen und Dinge hinterrücks ins schlechte Licht stellen, hat man schnell Grüppchenbildung, und dann geht die positive Energie verloren.

Janko: Sie sind ja schon einige Zeit dabei. Hat es so eine Gruppenbildung früher gegeben?

ballesterer: Ich würde nicht von Grüppchenbildung sprechen, aber früher war alles ein bisschen chaotischer. Keiner hat gewusst, was er am Feld vom anderen erwarten kann. Wenn man dann schlecht spielt, entsteht schnell eine gewisse Spannung. Jetzt ist alles sehr harmonisch – auf und abseits des Felds. Ich bin unlängst gefragt worden, ob ich mit Marko Arnautovic an einem Tisch sitze, das könne man sich ja gar nicht vorstellen. Aber ich kann wahnsinnig gut mit dem Marko.

ballesterer: Aber Sie zwei schicken sich jetzt nicht regelmäßig Whatsapp-Nachrichten.

Janko: Doch. Nicht nur mit ihm, sondern auch mit anderen Spielern. Diese Entwicklung hat es vor Marcel Koller wenig bis gar nicht gegeben. Ich denke, die Leute spüren, dass wir ein echtes Team sind. Deshalb ist auch ein Spiel gegen Liechtenstein ausverkauft.

ballesterer: 223.000 Anfragen für EM-Tickets sind bei der UEFA aus Österreich eingegangen. Wie gehen Sie mit den hohen Erwartungen um?

Janko: Wir wissen, dass Österreich derzeit für die EM brennt. Es ist ein schönes Gefühl, dass wir alle dazu beigetragen haben, dass dieses Pflänzchen inzwischen ein richtiger Baum ist. Wir können auf sehr gute Unterstützung in Frankreich zählen und freuen uns extrem darauf.

ballesterer: Sehen Sie nicht auch das Risiko, dass diese Euphorie schnell in Enttäuschung umschlagen könnte?

Janko: Aber sowohl die Spieler als auch das Trainerteam versuchen doch immer wieder darauf einzuwirken. Wir betonen ja ständig, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen dürfen. Wenn man die sportliche Qualifikation zum ersten Mal schafft, darf man nicht gleich davon ausgehen, sehr weit zu kommen. Aber wir trauen uns schon zu, einiges zu erreichen. Das erste Ziel ist jetzt, die Gruppenphase zu überstehen. Es wäre schon irre, wenn wir den Aufstieg schaffen würden.

ballesterer: Sie haben im Nationalteam in 50 Spielen 25-mal getroffen. Wenn Sie einmal kein Tor machen, wird das schnell an Ihrem Spielstil festgemacht, der zu statisch sei. Was halten Sie von dieser Kritik?

Janko: Eigentlich gar nichts, weil es fast grotesk ist, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man einmal nicht trifft. Ich kann den Leuten dann immer nur meine Statistik vors Auge halten.

ballesterer: Kann man Effektivität vor dem Tor lernen, oder ist das etwas Instinktives?

Janko: Ich glaube schon, dass das viel mit Instinkt und dem Unterbewusstsein zu tun hat, man muss für gewisse Situationen sehr feinfühlig sein. Das ist schwer zu erklären. Vielleicht würden manche Leute sagen, dass das angeboren ist. Ich würde sagen: Nicht nur, man kann sich auch einiges erarbeiten.

ballesterer: Sie glauben an die Kraft des positiven Denkens. Wie darf man sich das vorstellen?

Janko: Positives Denken, das klingt natürlich wahnsinnig abgedroschen, aber es gibt da eine Thematik, die auch schon eine Spur weit von der Wissenschaft erschlossen worden ist: Die Quantenphysik besagt, dass die Macht der Gedanken Materie beeinflussen kann. Ich bin sicher, wenn man an etwas glaubt, dann kann es auch passieren. Zumindest die Wahrscheinlichkeit ist eine höhere. Wenn man sich in eine Negativspirale hineinraunzt, hilft man weder sich noch der Sache. Man muss immer versuchen, das Licht am Ende des Tunnels zu fokussieren und weniger die Dunkelheit wahrzunehmen.

ballesterer: Geht das bereits in Richtung Meditation?

Janko: Nein, Meditation geht für mich schon zu weit. Ich bin keiner, der die Beine verschränkt. Aber ich bin generell ein Mensch, der, wenn er nicht gerade am Fußballfeld steht, probiert, viel im Moment zu leben, aber auch viel über gewisse Sachen nachdenkt. Vielleicht rührt das auch daher.

ballesterer: Fehlt Ihrer Karriere noch etwas?

Janko: Ich würde jetzt wahnsinnig gern an dieser Europameisterschaft teilnehmen. (Marc Eder, 10.3.2016)

Marc Janko (32) stürmte bereits für Admira Wacker, Red Bull Salzburg, Twente Enschede, FC Porto und Sydney FC. Im Sommer wechselte er zum FC Basel. 2006 debütierte er im österreichischen Nationalteam, in der abgelaufenen EM-Qualifikation schoss er sieben Tor

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