Was sich San Francisco wünscht: Eine Krise der IT-Branche

10. März 2016, 08:49
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Horrende Mieten, arrogantes Benehmen und Verkehrsprobleme sorgen für negative Stimmung

Das Silicon Valley, Mountain View, Palo Alto: Die geographische Nachbarschaft von San Francisco kann kaum gelesen werden, ohne dass die Größen der IT-Branchen damit assoziiert werden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Microsoft und Amazon stammen die wichtigsten Konzerne der Branche aus der Gegend um die kalifornische Stadt, die dadurch immer mehr Start-Ups anzieht. Dieser Boom war für Anwohner lange Zeit ein Grund zur Freude: Gut bezahlte Jobs warten in unmittelbarer Nähe, die gutsituierten Tech-Arbeiter geben wiederum Geld in Restaurants, Geschäften und anderen Dienstleistungsbetrieben aus.

Elite des Silicon Valley

Doch mittlerweile ist die Stimmung gekippt. Anstatt für einen gesunden Anstieg des Preisniveaus zu sorgen, hat sich die Stadt zweigeteilt. Da gibt es die Elite des Silicon Valley, dem "normale" Arbeiter und Angestellte gegenüberstellen. Sie kämpfen um ihr Überleben: Ein kleines Apartment mit einem Schlafzimmer wird im Durchschnitt für 3.500 Dollar pro Monat vermietet. Wer einen alten Mietvertrag hat, hat vorerst Glück. Doch wird dieser aufgelöst, müssen etwa Lehrer oder Polizisten San Francisco meistens verlassen.

Delogierungen

Die Immobilienkrise geht so weit, dass sogar Hilfsorganisationen aus ihren Räumlichkeiten geschmissen wurden. Die Delogierung der Suppenküche Fraternite Notre Dame sorgte vergangenes Jahr für einen globalen Aufschrei. Doch der Wohnungsmarkt ist laut New York Times nicht das einzige Problem: Die Verkehrssituation ist ebenso horrend. Öffentliche Verkehrsmittel sind verstopft, weil sie von immer mehr frustrierten ehemaligen Autofahrern genutzt werden. Da viele Tech-Arbeiter gen Süden ins Silicon Valley pendeln, staut es sich regelmäßig.

Eigene Welt

Außerdem kamen jene Dienstleister, die schon länger in San Francisco tätig sind, schnell dahinter, dass die IT-Branche einen eigenen Geschmack hat. Neue Restaurants, neue Fitnesstudios, neue Shops tauchen auf, die mit ihren exklusiven Preisen nur Angestellte der Techbranche ansprechen. Während immer mehr Bürgerinitiativen entstehen, hält sich das Gefühl, dass das Silicon Valley in seinem Verhalten gegenüber der politischen Sphäre am Rande der Korruption schrammt. So gab es Berichte, dass IT-Konzerne eine lokale Wahl "gekauft" haben sollen. Techfirmen nehmen enorme Summen in die Hand, um für ihre Positionen zu werben, zuletzt Wohnungsvermittler AirBnb.

Warten auf den Sturm

Auch, wenn San Francisco keinen kompletten Zusammenbruch der IT-Branche wünscht – etwas Luft aus der vermeintlichen Blase zu lassen ist ein großer Wunsch von 39 Prozent der Bürger. "Sie fühlen sich wie Menschen während einer Hitzeperiode, die auf den Regensturm warten", sagt der Politiker Aaron Peskin zur New York Times. Andere Städte, in denen die IT-Branche an Fahrt aufnimmt, nehmen das als Warnung: Seattle hat sich etwa vorgenommen, fix kein zweites San Francisco zu werden. (fsc, 10.3.2016)

  • Wütende Bürger protestieren gegen Zwangsräumungen
    foto: apa/afp/sullivan

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