EZB und die Krise: Draghi ist kein Dieb

Kommentar9. März 2016, 18:04
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Die EZB kämpft gegen eine große und tiefe Misere an

In den Augen vieler österreichischer Sparer ist Mario Draghi ein Dieb. Jahrzehntelang war es eine Gewissheit: Wenn die Oma für ihr Enkelkind Geld auf ein Sparbuch legt, wird sich dieses im Lauf der Zeit dank Zinsen vermehren. Doch unter Draghis Führung hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer aggressiven Geldpolitik dafür gesorgt, dass die Zinsen verschwinden. Das Sparbuch wirft nichts mehr ab. Draghi quält die Sparer, während seine EZB Milliarden in die Märkte pumpt und damit nicht einmal das Wachstum beleben konnte: So denken viele.

Doch damit tut man dem Italiener unrecht. Vergessen wird, dass die Zinsen weltweit seit Jahrzehnten sinken. Die EZB hat einen Trend verstärkt, ihn nicht geschaffen. Das Grundproblem ist, dass zu viel Geld vorhanden ist. Firmen in Europa, Japan und den USA investieren zu wenig. Die Investitionsquote in der EU ist im Zuge der Krise gefallen und seither nicht wieder gestiegen. Haushalte konsumieren nicht genug, um einen Aufschwung in Gang zu setzen, und Staaten sanieren ihre Budgets. Selbst in stärker wachsenden Schwellenländern wie China ist, im Gegensatz zur Vergangenheit, genug Erspartes vorhanden. Das Kapital kann nirgendwo hin. Bei Überangebot fallen die Preise.

Die EZB kämpft also gegen eine große und tiefe Misere an. Vor diesem Hintergrund muss man ihre Geldpolitik beurteilen. Das würde so manches Urteil vielleicht nicht milder, aber doch differenzierter ausfallen lassen. (András Szigetvari, 9.3.2016)

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