ORF-Wahlkampf: Zeit für Wunschlisten

10. März 2016, 11:37
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Bundeskanzler Werner Faymann als alleiniger Gast in "Im Zentrum" ist nur ein Kapitel in einer Zeit, in der sich der ORF in Geberlaune zeigt: Fünf Monate vor der Wahl des neuen Generaldirektors werden Wahlzuckerln großzügig gegeben und genommen

Wien – Wahlkampf im ORF ist wie Weihnachten und Ostern zugleich: Alle dürfen sich etwas wünschen, und nie stehen die Chancen höher, dass die Anliegen und Begehrlichkeiten vieler von jenen Entscheidungsträgern in der Geschäftsführung erfüllt werden, die dieser Tage Christkind und Osterhase spielen. Am 9. August wählt der Stiftungsrat einen neuen Generaldirektor. Um Mehrheiten zu sichern, zeigt man sich in Geberlaune. Besonders brave Schäfchen können sich sogar ein Extrageschenk ausrechnen. Wunschlisten betreffen:

  • Zukunftsfragen: Erstmals ein offenes Gesprächsangebot an Generaldirektor Alexander Wrabetz legte der kaufmännische Direktor Richard Grasl am Dienstag bei einem Gespräch mit dem Verein Medienjournalismus Österreich. Grasl werden Ambitionen auf eine Kandidatur nachgesagt. Davon ablassen würde er wohl, wenn er künftig mehr Macht bei der Gestaltung des ORF, seiner künftigen Strukturen und des Personals haben kann, wie Grasl unmissverständlich zum Ausdruck brachte: "Als Copilot im Cockpit sollte man ja jedenfalls mit dem Piloten einig sein, in welche Richtung man gemeinsam fliegt." Grasl nennt Programmfragen, Digitalstrategie und die Governance des Unternehmens als wichtige Zukunftsfragen. Es würde nicht verwundern, wenn er auf ein Vieraugenprinzip in der Geschäftsführung pochen würde. Digitalstrategie klingt nach Bündelung von mehr als einem Dutzend Dienststellen auf eine zentrale Stelle.

  • Wahl: Keine Möglichkeit zur Nachnominierung eines Kandidaten wünscht sich der SPÖ-Freundeskreis im Stiftungsrat. Damit würde ein Gegenkandidat in letzter Sekunde verhindert, also genau das, was anno 2006 der SPÖ mit ihrem Kandidaten Alexander Wrabetz gegen die Bürgerliche Monika Lindner gelang. Ein Gutachten, das die Möglichkeit prüfen soll, wurde wie berichtet bestellt.

  • Im Zentrum: Ein Einzelgespräch mit einem Bundeskanzler gab es seit Bestehen des Formats 1995 noch kein einziges Mal. Die ORF-Journalisten verweisen auf die journalistische Notwendigkeit des Einzelinterviews mit Werner Faymann zur Flüchtlingskrise. Die Hoffnung, dass sich dieser für ein solches Geschenk erkenntlich zeigt, besteht. Der Kanzler sah Wrabetz nicht immer als besten Mann auf dem Küniglberg.

    Frühfernsehen: Die exzessive Einbindung der Provinzen ab 29. März stimmt Landesdirektoren fröhlich, aber auch Landeshauptleute, die Stiftungsräten wärmste Empfehlungen mit auf den Weg geben.

  • Funkhaus: So gut wie fix scheint, dass ORF Wien in der Wiener Argentinierstraße beheimatet bleibt – ein Wunsch von Bürgermeister Michael Häupl. Dass auch Teile von Ö1 in der Stadt bleiben, wie zuletzt kolportiert, ist zumindest für den kaufmännischen Chef Grasl keine Option: "Von den Konzepten der Bewerber wird abhängen, ob der ORF kleine Flächen behalten wird. Dass es zu einem Verbleib der Radiosender im Funkhaus kommt, halte ich für ausgeschlossen." Der Fahrplan zum Verkauf steht jedenfalls: Am 14. März muss sich der ORF entscheiden, wie er tatsächlich mit der Immobilie verfahren will, das ganze Haus verkauft oder nur Teile. Am 8. April gelangen erste bindende Anbieter auf eine Shortlist. Am 21. April wird ein endgültiger Zuschlag erteilt. Im Juni soll die Entscheidung der Stiftungsrat in seiner letzten Sitzung vor der Wahl absegnen.

  • Im Hintergrund werden Entscheidungsträger besucht, informiert, hofiert, gar mancher Job wird schon jetzt versprochen. ORF-intern wird das mit Sarkasmus kommentiert: "Wenn alle etwas werden, denen jetzt Jobs versprochen werden, hätten wir eine Geschäftsführung mit mindestens 70 Personen."

Doch nicht alle Wünsche dürften in Erfüllung gehen:

  • ORF-Neubau: Abgesagt ist nach STANDARD-Infos ein Ausbau von Objekt zehn. Das Gebäude, in dem sich jetzt der "ZiB"-Newsroom befindet, steht nicht unter Denkmalschutz und hätte das Herz des neuen ORF-Zentrums werden sollen, mit Eingang auf der Elisabethallee und neuem Produktionshaus. Die "ZiB"-Journalisten übersiedeln in den trimedialen Newsroom, einziehen soll nach neuem Plan der Sport – ebenfalls mit multimedialem Newsroom. Der Haupteingang bleibt in der Würzburggasse.
  • Besucherzentrum: Um überbordende Kostenüberschreitungen zu verhindern, fällt das opulent geplante Besucherzentrum dem Sparstift zum Opfer. Der Bau war Wunschprojekt von Wrabetz mit Multimediashow, Theater und anderen Sensationen für jährlich 130.000 Besucher. Das alles soll es nun auf schlankeren 500 Quadratmetern und auf zwei Ebenen geben. (Doris Priesching, 10.3.2016)
  • Hinter dem Vorhang des ORF-Zentrums werden Geschenke verteilt.
    foto: apa/georg hochmuth

    Hinter dem Vorhang des ORF-Zentrums werden Geschenke verteilt.

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