Terror und Flucht leiten Touristen um

10. März 2016, 05:30
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Angesichts dramatischer Fluchtbewegungen werden beliebte Reiseziele zu Orten, die man besser meidet. Österreich könnte davon profitieren

Berlin – Eine Fahrt zu den Pyramiden von Gizeh, Schnorcheln im Roten Meer oder Baden an einem Strand in Tunesien: Was Urlaubsreisende, viele auch aus Österreich, in den vergangenen Jahren mit Freude gemacht haben, wird heuer einer anderen Prioritätengewichtung weichen. Zuoberst auf der Liste steht Sicherheit, zeigen diverse Umfragen.

Das, so viel lässt sich schon sagen, wird auch die Türkei touristisch stark treffen, die auch heuer wieder mit einem Riesenstand auf der ITB in Berlin vertreten ist, der weltgrößten Tourismusmesse. Zu frisch sind die Terroranschläge der vergangenen Monate und zu groß die Angst, dass Ähnliches wieder passieren könnte.

Kampf um Marktanteile

Österreichs Touristiker hingegen hoffen, aus den sich abzeichnenden Verwerfungen in der Tourismuslandschaft nicht nur unbeschadet hervorzugehen, sondern eventuell sogar Marktanteile dazugewinnen zu können. Erfahrungsgemäß würden in unsicheren Zeiten mehr Österreicher Urlaub im Inland machen, auf diesen Umstand wies Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) am Mittwoch bei einem Besuch des Österreich-Stands auf der ITB in Berlin hin. Kurz darauf traf er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im Zentrum der Gespräche: die Flüchtlingspolitik.

Grenzkontrollen würden, auch wenn sie lästig seien, sowohl in der Bevölkerung als auch bei Urlaubern auf Verständnis stoßen, sagte Mitterlehner dem STANDARD. Um die Grundtendenz zu festigen, bei krisenhaften Entwicklungen eher Urlaub im eigenen Land zu machen, wird in den nächsten Wochen eine Inlandswerbekampagne lanciert. Die dafür veranschlagten 600.000 Euro werden von der Wirtschaftskammer Österreich aufgebracht.

Sonderbudget

Mit einem im vergangenen Herbst genehmigten Sonderbudget von über vier Millionen Euro, die das Wirtschaftsministerium zur Verfügung stellt, soll die Österreich Werbung (ÖW) neue Märkte im Ausland, insbesondere in Asien, erschließen. Zusätzlich sollen auf etablierten Märkten wie Deutschland, Italien, Großbritannien und Polen neue Gästeschichten auf Österreich als Urlaubsland aufmerksam gemacht werden. "Der Wettbewerb wird immer härter", sagte ÖW-Chefin Petra Stolba. Reisegewohnheiten änderten sich, alles sei im Fluss.

Insgesamt stehen der ÖW, die ihre Basisfinanzierung von 32 Millionen Euro zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent von der Wirtschaftskammer erhält, inklusive Projektgeschäften und der Sonderdotierung für Marketingmaßnahmen heuer mehr als 54 Millionen Euro zur Verfügung.

China sei einer der Hoffnungsmärkte, auch wenn sich die Bemühungen erst mittelfristig niederschlagen würden. Im April soll die U-Bahn in Peking innen und außen mit Österreich-Sujets beklebt werden. Die Zahl der Visa-Annahmestellen wurde von drei auf 15 erhöht. Im Vorjahr wurden in Österreich 715.000 Ankünfte chinesischer Gäste und 970.000 Nächtigungen gezählt, ein Plus von 43 Prozent.

Dialog mit Russland

Mit Russland möchte Mitterlehner den Dialog verbessern. Für 2017 kündigte er ein österreichisch-russisches Tourismusjahr an – mit ÖW-Workshops in Russland und Eröffnung einer Repräsentanz von Visit Russia in Wien.

Die Grenzkontrollen zu Deutschland treffen vor allem Seilbahnunternehmen in Tirol und Salzburg, weniger die Hotellerie. "Wenn jemand für mehrere Tage auf Urlaub fährt, spielen die Wartezeiten an der Grenze kaum eine Rolle," sagte die oberste Touristikerin in der Wirtschaftskammer, Petra Nocker-Schwarzenbacher. Für Gäste aus dem süddeutschen Raum, die nur für einen Tag zum Skifahren nach Österreich möchten, könnten Grenzwartezeiten mitunter doch ausschlaggebend sein, das Skifahren sein zu lassen.

In Kufstein jedenfalls merkt man die Kontrollen stark: Der Verkehr durch die Stadt habe deutlich zugenommen, Reisende würden verstärkt von der Autobahn abfahren in der Hoffnung, Grenzwartezeiten vermeiden zu können. Mitterlehner will versuchen, eigene Fahrspuren für Frächter und Touristen durchzusetzen, um die Auswirkungen verstärkter Grenzkontrollen möglichst gering zu halten.

Weil auch deutsche Urlauber Umfragen zufolge tendenziell mehr im Inland und Nahmärkten urlauben wollten als zuletzt, könnte Österreich auch davon profitieren. Österreich ist unter den Auslandsreisezielen laut der Deutschen Reiseanalyse das viertbeliebteste Urlaubsland nach Spanien, Italien und der Türkei. (Günther Strobl aus Berlin, 10.3.2016)

  • China wirbt auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin um Gäste und wird selbst vom Rest der Welt umworben. Auch Österreich sieht in China einen Hoffnungsmarkt. Über kurz oder lang wird das Reich der Mitte Reiseweltmeister.

    China wirbt auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin um Gäste und wird selbst vom Rest der Welt umworben. Auch Österreich sieht in China einen Hoffnungsmarkt. Über kurz oder lang wird das Reich der Mitte Reiseweltmeister.

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