Jihadistenprozess: "Ich war moscheesüchtig"

10. März 2016, 08:50
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Eine Mutter kämpfte jahrelang um ihre Tochter, die in die Islamistenszene abgeglitten war und mit den Kindern nach Syrien auswandern wollte

Graz – Frauentag im Grazer Jihadistenprozess: Entlang der Verteidigerbank, mit Blick auf die drei männlichen Angeklagten, sitzt eine Mutter mit ihren beiden Töchtern. Mutter und ältere Tochter tragen ein gemustertes Kopftuch. Sie sind wegen falscher Zeugenaussage und im Fall der Tochter auch wegen Unterstützung der IS-Terrormiliz angeklagt. Sie wollen heute nicht mehr darüber reden. Und so liest ein beisitzender Richter aus den alten Vernehmungsprotokollen.

Es ist die Geschichte einer Mutter, die verzweifelt versucht, ihre ältere Tochter vor der Radikalisierung in einer Grazer Moschee zu retten. Sie bricht alle Tabus der tschetschenischen Community und schickt die jüngere Tochter zur Polizei, als sie bemerkt, dass ihre ältere Tochter mit den drei Kindern nach Syrien fahren will, dorthin, wo deren Mann zuvor im Krieg für den IS erschossen worden war. Es ist auch die Geschichte dieser älteren Tochter, die sich binnen kurzer Zeit von einem fröhlichen Mädchen mit bunten Haaren in eine radikale Muslimin wandelt. Zuerst ihrem Mann zuliebe, der in derselben Moschee "umgedreht" wurde, dann aus vollem Herzen. Sie wollte, wie sie vor der Polizei angab, in das "heilige Land" um dort nach der Scharia zu leben, ihre Kinder sollten "richtige Moslems" werden. "Ich war richtig Moschee-süchtig", gab sie an.

Der Imam, der im Prozess ihr schräg gegenüber auf der Anklagebank sitzt, habe immer mit dem Rücken zu den Frauen gepredigt, jener Imam, der sie zur dritten Frau nehmen wollte. Was sie aber ablehnte. Und immer wieder versuchte die Mutter, sie aus der Szene loszueisen. Vergeblich. Erst nach der Vermisstenanzeige brachte die Polizei die Tochter aus Wien – sie wollte nach Istanbul fliegen – zurück nach Graz.

Plötzlich entsteht ein Wirbel im Gerichtssaal. Bis aufs Gesicht schwarz verschleierte Frauen lachen und geben zu verstehen, für wie lächerlich sie die Aussagen von Mutter und Tochter halten. Der Richter fährt grantig dazwischen und droht mit Saalverweis. (mue, 10.3.2016)

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