Machtrausch ist heilbar

Kolumne9. März 2016, 17:46
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Die Bespitzelung von Lehrern und die Bestrafung von aufmüpfigen Ärzten entspringen einer gemeinsamen Befindlichkeit

In der Frage, woran Österreich krankt, herrscht zumeist weitgehend Einigkeit über den besorgniserregenden Zustand des Patienten, nicht jedoch über die Wahl des richtigen Arztes. Das liegt möglicherweise an einer Unklarheit, die mit der Idealvorstellung des Arztberufs an sich zu tun hat. Was macht einen guten Arzt aus? Fachliche Kompetenz? Beste Bewertungen? Menschliche Qualitäten? Für vom Wiener Krankenanstaltenverbund angestellte Spitalsärzte gilt nichts dergleichen. Seit Bekanntwerden der Affäre um den Lungenfacharzt Gernot Rainer wissen wir, was für diese Mediziner die wichtigste Qualifikation zu sein hat, nämlich "Identifikation mit den Gesamtinteressen der Stadt Wien".

Diese Erkenntnis stellt die betroffenen Ärzte vor knifflige Probleme: Welche Aspekte der städtischen Gesamtinteressen muss ich künftig bei meiner Arbeit mehr berücksichtigen? Jene der klammen Pensionskassen? Die der von ärztlichen Ratschlägen à la "Hörn S' auf mitm Saufen" betroffenen Gastronomiebetriebe? Und was ist mit den Interessen der städtischen Bestattung? Oder lautet die Conclusio einfach: Nix machen, was dem Herrn Häupl nicht passen könnte. Der über seine Gattin in die Causa involvierte Bürgermeister konnte diesbezüglich bislang leider nicht für Aufklärung sorgen.

In diesem Zusammenhang erscheint ein unlängst vom Obersten Gerichtshof gefälltes Urteil interessant, das ebenfalls medizinisch relevant ist. Darin wird einer ehemaligen niederösterreichischen Schuldirektorin bestätigt, dass sie von einer Landesschulinspektorin gemobbt und in eine Depression getrieben wurde. Als Ursache des Mobbings gilt unter anderem die Weigerung der Direktorin, an einer von der Inspektorin unter Einhaltung "höchster Diskretion" gewünschten "internen politischen Informationskette zum Landeshauptmann" teilzunehmen. Dieses Begehren hatte die Informationskettenschmiedin sogar per Mail an mehrere Direktoren schriftlich festgehalten. Und auch in diesem Fall sorgt die Reaktion des betroffenen Landeshauptmannes für Erstaunen. Nach Auffliegen der Affäre verlieh Erwin Pröll seiner Mata Hari der Konferenzzimmer das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich für "ihre enormen Leistungen im Schulbereich des Landesschulrates für Niederösterreich".

Die Bespitzelung von Lehrern und die Bestrafung von aufmüpfigen Ärzten entspringen einer gemeinsamen Befindlichkeit, die auch von medizinischen Laien diagnostiziert werden kann: chronische Abgehobenheit in Verbindung mit einer immer massiver werdenden Kritik-Unverträglichkeit und zunehmend unkontrollierbaren Machtrausch-Zuständen.

Ein besorgniserregender Befund, der aber noch Aussicht auf Heilung lässt. Für die Wahl des richtigen Arztes gäbe es einen kompetenten Kandidaten: Dr. Franz Fiedler, ehemaliger Rechnungshofpräsident, der neulich in einem Kurier-Interview befand, dass "die Landeshauptleute in Österreich eine Stellung haben, die ihnen in anderen föderalen Ländern nicht zukommt", und deshalb "entmachtet gehören". Dieser Therapie könnte man zumindest eines nicht absprechen, nämlich höchste Identifikation mit den Gesamtinteressen der Republik Österreich. (Florian Scheuba, 9.3.2016)

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