Gesundheitscheck für betagte Bullenmärkte

15. März 2016, 09:00
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An der Wall Street tanzen seit Jahren die Bullen. Ob das so weitergeht, hängt davon ab, ob Höchstmarken überschritten werden.

Wien – Als im September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers gefallen ist, durchzog die Finanzmärkte ein Schock. An den Börsen ging es rasant bergab. Viele wichtige Indizes rutschten massiv ab. So auch der US-Index S&P, in dem die 500 wichtigsten US-Unternehmen zusammengefasst sind. Am 9. März 2009 notierte der S&P bei 676 Punkten. Doch die Aktionen der US-Notenbank Fed zur Ankurbelung der Wirtschaft haben vor allem an den Börsen für eine Rallye gesorgt, weil das billige Geld nicht in die Wirtschaft floss, sondern in den Finanzmarkt. So erholte sich der S&P sukzessive und erklomm im Mai 2015 ein Hoch bei 2134 Punkten.

Für Analysten sind Hoch- und Tiefpunkte wichtige Markierungen für die Frage, ob die Rallye künftig weitergehen wird oder nicht. Und weil sich gestern das Tief im S&P nach der Lehman-Pleite zum siebenten Mal gejährt hat, wird heftig darüber spekuliert, ob die Rallye in ein achtes Jahr geht oder nicht. Für Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin des Private Banking der Bank Austria, ist klar, dass die Rallye weitergehen wird, "wenn der S&P sein Hoch vom Mai 2015 überschreitet". Der Weg dorthin ist nicht allzu weit. Aktuell notiert der Index knapp unter der 2000er-Marke. Läuft die Rallye weiter, könnte diese zum bisher längsten Bullenlauf nach einer Krise im S&P werden (siehe Grafik). Von den elf Bullenphasen seit dem Zweiten Weltkrieg haben nur drei länger als sechs Jahre gedauert.

Bewertungen nicht überzogen

Was für ein Anhalten der Rallye spricht, ist die Tatsache, "dass die Bewertungen nicht überzogen sind", sagt Rosen-Philipp. Das aktuelle KGV im S&P liegt bei 16,5 – das sei zwar kein Niveau mehr für Schnäppchen, sei aber auch nicht exorbitant hoch. "Zudem kamen zuletzt einige Konjunkturdaten, die über den Erwartungen lagen – etwa das Wachstum für das vierte Quartal", sagt Rosen-Philipp. Auch die jüngste Dollarschwäche sollte die zukünftigen Gewinne im S&P unterstützen. Erwartet wird, dass die Gewinne im US-Index heuer um fünf Prozent steigen. Zudem könnte die Belastung für die Gewinndynamik durch den fallenden Ölpreis langsam weniger werden, wenn der Ölpreis sich einpendelt.

Gegen ein Anhalten der Rallye spricht hingegen, dass sich "seit der Korrektur im vergangenen August (Abwertung des Yuan in China, Anm.) der Bullenlauf nicht mehr dauerhaft festigen konnte", sagt die BA-Analystin. Die letzte Erholung im Februar entwickelte sich zudem nur bei recht schwachen Umsätzen. "Blue Chips haben die Nebenwerte outperformt, das spricht für wenig Überzeugung seitens der Investoren", fasst Rosen-Philipp zusammen.

Ein Fünftel unter Hoch

Technisch gesprochen wäre die Rallye im S&P jedenfalls vorbei, wenn vom letzten Hoch bei 2134 Punkten eine Korrektur von 20 Prozent verzeichnet und dieses Niveau für rund eine Woche nicht verlassen beziehungsweise unterschritten wird. Bei rund 1700 Punkten würden dann also die Bären den Index übernehmen. (Bettina Pfluger, 15.3.2016)

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