Warum der Ölmarkt noch Jahre im Ungleichgewicht bleibt

12. März 2016, 09:00
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Der Ölmarkt hat sich nach dem Preisverfall zuletzt stabilisiert – nicht zuletzt, weil der US-Schieferölausstoß vorübergehend abnimmt

Wien – Am Ölmarkt ist in den vergangenen zwei Jahren kein Stein auf dem anderen geblieben. Sollte man meinen, denn der weltgrößte Förderer Saudi-Arabien hält seit Mitte 2014 seine Ölhähne sperrangelweit aufgedreht und flutet den Markt förmlich mit Rohöl. Die Folge war ein Preiskollaps, der das schwarze Gold im Tief unter 30 Dollar je Fass getrieben hatte. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie Raiffeisen-Rohstoffanalyst Hannes Loacker hervorhebt – die eigentliche Revolution wurde demnach bereits einige Jahre zuvor eingeleitet.

Und zwar mit dem stetigen Hochfahren der US-Produktion von Schieferöl, das Uncle Sams Ausstoß binnen sieben Jahren auf 9,6 Millionen Fass Öl pro Tag beinahe verdoppelt hat. Dabei handelt es sich aber nicht nur um zusätzliches Angebot am Ölmarkt, sondern um eines mit einem Alleinstellungsmerkmal: Während konventionelle Ölprojekte eine Vorlaufzeit von drei bis fünf Jahren benötigen und Offshore-Förderung mitunter sogar doppelt so lange, können Schieferölprojekte binnen weniger Monate den Rohstoff auf den Markt bringen. "Das ist untypisch für den Ölmarkt und nur bei Schieferöl möglich", sagt Loacker.

Strukturelles Überangebot

Selbst wenn einigen US-Schieferölproduzenten, wie es sich derzeit abzeichnet, finanziell bald die Luft ausgehen sollte, lassen sich die geschaffenen Kapazitäten durch einen Preiskampf höchstens vorübergehend beseitigen. Sobald der Ölpreis deutlich ansteigt, können die Anlagen – womöglich unter anderen Eigentümern – umgehend wieder hochgefahren werden. Auf diese Art lässt sich das derzeitige Überangebot am Ölmarkt, das Loacker rund 1,5 Millionen Fass pro Tag beziffert, höchstens kurzfristig beseitigen.

Jakob Frauenschuh vom Asset-Management der Schoellerbank siedelt die Gewinnschwelle für US-Frackingöl bei 50 Dollar an: "Darunter verdient man nichts mehr. Doch selbst bei einem Ölpreis von 30 Dollar und darunter werfen bestehende Anlagen noch genug ab, um die laufenden Ausgaben zu decken." Diese betragen laut Frauenschuh die Hälfte der Gesamtkosten, der andere Teil entfällt auf die hohen Anlaufinvestitionen. Sprich wenn die Kapitalkosten nicht mehr bedient werden können, drohen Pleiten. Wobei die Anlagen dann oft zu "Schleuderpreisen" an neue Besitzer weitergereicht würden.

Allerdings werden zum derzeitigen Preisniveau keine neuen Schieferölprojekte umgesetzt, und der Ausstoß älterer Anlagen lässt sukzessive nach. Folglich erwartet die IEA, dass sich die Förderung von US-Frackingöl im Jahr 2016 um rund sechs Prozent verringern wird. Das wird laut Loacker heuer zu dem größten Angebotsrückgang von Nicht-Opec-Öl seit 1992 führen.

Stabilisierung im zweiten Halbjahr

Daraus leitet Loacker in Kombination mit der traditionell höheren Ölnachfrage im zweiten Halbjahr trotz hoher Lagerbestände in den OECD-Staaten eine Erholung des Ölmarkts bis Ende 2016 ab. Dann soll der Preis bei rund 50 Dollar liegen, im Jahresmittel erwartet Loacker einen Preis von knapp 40 Dollar – was fast dem derzeitigen Niveau entspricht.

Dessen ungeachtet kann der Ölmarkt auf lange Sicht nur über konventionelle Projekte wieder ins Gleichgewicht gebracht werden – aber das nimmt viel Zeit in Anspruch. Wegen des Preiskollapses sind laut Loacker Investitionen in Ölprojekte im Ausmaß von 500 bis 600 Milliarden Dollar unterblieben: "Das betrifft hauptsächlich konventionelle Projekte mit langer Vorlaufzeit." Sprich deren Angebot wird erst im Zeitraum 2019 bis 2025 fehlen – vorausgesetzt, die weltweite Ölnachfrage wächst auch bis dahin noch um jeweils ein Prozent pro Jahr. Erst in dieser Phase kann das Überangebot nachhaltig beseitigt werden. "Wir befinden uns in den frühen Phasen eines langwierigen Heilungsprozesses", folgert Schoellerbank-Experte Frauenschuh. (Alexander Hahn, 12.3.2016)

  • Nach dem jahrelangen Boom der US-Ölproduktion haben sich einige am Ölmarkt – durch die Blume gesagt – einigermaßen die Finger verbrannt.
    foto: nick oxford

    Nach dem jahrelangen Boom der US-Ölproduktion haben sich einige am Ölmarkt – durch die Blume gesagt – einigermaßen die Finger verbrannt.

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