Vergewaltigungsprozess: Eine 20 Jahre sprachlose Ehe

9. März 2016, 14:12
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Ein 51-Jähriger soll nach jahrzehntelanger zerrütteter Ehe seine Frau vergewaltigt haben. Er sieht ein Manöver im tobenden Scheidungskrieg

Wien – Seit 30 Jahren ist Jacek I. verheiratet. Und seit 20 Jahren spricht er mit seiner Frau praktisch kein Wort mehr. Mittlerweile läuft seit einem dreiviertel Jahr das Scheidungsverfahren – nachdem er im Juni seine Frau vergewaltigt haben soll. Ob das stimmt, muss der Schöffensenat unter Vorsitz von Andreas Böhm klären.

Der 51-Jährige bekennt sich nicht schuldig, seine Verteidigerin Aleksandra Fux sieht auch ein Motiv für die Behauptungen der Frau: "Es ist der schmutzige Höhepunkt in einer Scheidungsschlacht", sagt sie in ihrem Eröffnungsvortrag.

Böhm ist das Beziehungsmuster nicht ganz klar. "Warum waren Sie noch verheiratet?", will er daher wissen. "Ich habe ein Haus gekauft, und die Kinder waren noch klein", lautet die Antwort.

Sex ohne Liebe

Den Vorsitzenden interessiert auch das Sexualleben. "Hatten Sie noch regelmäßig Geschlechtsverkehr?" – "Ja, aber es war Sex ohne Liebe, sie wollte auch von sich aus nie." – "Wie haben Sie sie dann dazu bewegt?" – "Wenn ich ein Bad genommen habe, habe ich sie mit der Hand berührt, und sie hat sich ausgezogen."

Bei der Polizei hat I. das in viel drastischeren Worten geschildert. "Es war wie bei Tieren. Ich steige auf sie wie auf eine Hure." Seine Gattin habe während des Beischlafs immer wieder telefoniert oder ferngesehen, behauptet er.

Für die Tatsache, dass die Frau blaue Flecken am linken Oberarm, am Unterschenkel und im Kniebereich hatte, hat er eine Erklärung. Nach dem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr sei es zu einem Streit gekommen, sie habe ihn angegriffen. "Ich habe sie weggeschubst, dabei fiel sie gegen den Holzrahmen des Bettes. Sie bekommt sehr leicht blaue Flecken."

"Du Hurensohn, ich mach dich fertig!"

"Und warum zeigt sie Sie jetzt an?", fragt Böhm. "Sie hat mir nach dem Sturz ihr Gesicht hingehalten und gesagt: 'Du Hurensohn, schlag mich, ich mache dich fertig!'" Für den Unbescholtenen ist das Motiv klar: "Ich habe 35 Jahre gearbeitet, sie nicht einmal eine Stunde. Es geht nur ums Geld."

Der Vorsitzende zitiert aus dem Akt des Scheidungsverfahrens. Die Frau sagt, ihr Nochmann sei alkoholsüchtig, sexsüchtig und krankhaft eifersüchtig – und habe sie immer wieder vergewaltigt. Der Angeklagte bestreitet das vehement. Ebenso, dass er gesagt haben soll, eine Frau sei nur "zum Kochen, Putzen und Pudern da".

Die Verletzte wird im Nebenzimmer befragt, ihre Aussage per Video übertragen. Dass die Ehe seit Jahren kaputt war, bestätigt sie. "Warum waren Sie dann noch verheiratet?", wundert sich Böhm neuerlich. "Fragen Sie mich das nicht. Ich weiß es nicht. Ich war finanziell von ihm abhängig, wir haben auch einen kranken Sohn."

"Ich habe die Zähne zusammengebissen"

Dass es dennoch zu Intimitäten gekommen ist, bestätigt sie. Dass dabei Gewalt im Spiel gewesen sei, dagegen nicht mehr explizit. "Ich habe die Zähne zusammengebissen, ich hatte nichts zu sagen."

Ihre Version der Tatnacht: I. habe einen telefonischen Streit mit seinem Sohn gehabt, sie sei schon im Bett gelegen. "Plötzlich ist er nackt und mit geballten Fäusten neben dem Bett gestanden." Bei der Polizei schilderte sie auch noch, er habe Schaum vor dem Mund und Hass in den Augen gehabt.

Dann erzählt sie, der Mann habe sich auf sie gelegt, beide Oberarme gepackt und sie gegen das Bett gedrückt. Dabei habe er auch immer wieder versucht, ihre Hose hinunterzuziehen. Er habe auch versucht, ihr gegen den Kopf zu schlagen, das habe sie mit gekreuzten Armen vor dem Gesicht verhindert.

Am nächsten Tag sei sie mit ihrem kranken Sohn zu einem vorher vereinbarten Termin ins Krankenhaus gefahren, dort habe sie sich einer Sozialarbeiterin anvertraut, die sie zur Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie schickte.

Medizinisches Gutachten abgelehnt

Verteidigerin Fux beantragt ein medizinisches Gutachten zur Entstehung der blauen Flecken. Und weist auf tatsächlich ungewöhnliche Umstände hin: Die Frau habe die Blutergüsse nur auf der linken Körperseite gehabt, aber weder Verletzungsspuren an den Unterarmen noch im Vaginalbereich oder an der Innenseite der Oberschenkel.

Das Gericht lehnt das ab und braucht nur zehn Minuten zur Beratung. I. wird nicht rechtskräftig zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt, zusätzlich muss er dem Opfer 2.900 Euro zahlen und weiters die Psychotherapie, die sie besucht.

Böhm gesteht zwar zu, dass es "eine wilde Vorgeschichte" gegeben habe, die Frau sei aber aus der mehrheitlichen Sicht des Senats glaubwürdig gewesen. (Michael Möseneder, 9.3.2016)

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