Deutscher Presserat debattiert Angaben zur Herkunft von Straftätern

9. März 2016, 13:06
7 Postings

Meinungen über Richtlinie 12.1 des Kodex gespalten

Berlin – Der Deutsche Presserat hat sich am Mittwoch wie berichtet mit der Frage auseinandergesetzt, wann Medien Angaben zu Herkunft oder Religion von Straftätern machen dürfen. Die Debatte über die Richtlinie 12.1 im deutschen Pressekodex stand auf der Tagesordnung einer nicht öffentlichen Plenumsitzung in Berlin. Der Presserat wollte unter anderem einen Medienpsychologen zu diesem Thema anhören.

Die Richtlinie empfiehlt, dass ein "begründeter Sachbezug" zur Straftat bestehen muss, wenn Journalisten erwähnen, dass der Täter oder Verdächtige einer religiösen, ethnischen oder anderen Minderheit angehört. In vielen Redaktionen ist die Richtlinie umstritten. Die Kritik daran wurde zuletzt schärfer, insbesondere im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die zahlreichen Straftaten in der Silvesternacht in Köln.

Die Richtlinie lasse Informationen zur ethnischen Zugehörigkeit oder Religion im Zusammenhang mit Straftaten durchaus zu, sagte Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserates. "Aber wenn in einem Achtzeiler bei Verdacht einer Straftat die Rede von einem ägyptischen Asylbewerber ist, ist das aus unserer Sicht ein diskriminierender Vorgang."

Richtlinie 12.1 schränke Journalisten ein

Nach Einschätzung der "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch geht es immer um eine Einzelfall-Entscheidung. Die Richtlinie 12.1 schränke Journalisten aber unzulässig ein und bevormunde die Leser. Christian Lindner, Chefredakteur der in Koblenz erscheinenden "Rhein-Zeitung", kritisierte die Formulierung der Richtlinie als aus der Zeit gefallen. "Ich will eine Neuformulierung, die Medien aus der Ecke des Verdachts rausholt, Informationen aus politischen Gründen verschweigen zu wollen", sagte er.

DJV sieht keinen Änderungsbedarf

Anders sieht das Frank Überall, der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV): "Ich halte die Formulierung für tragfähig und sehe nicht, dass sie im Wortlaut geändert werden müsste", sagte er. Wenn es einen Zusammenhang zwischen Nationalität und Straftat gibt, könne es gerechtfertigt sein, Angaben zur Herkunft des Täters zu machen. "Aber wenn es keine Relevanz hat, hat es in der Berichterstattung auch nichts zu suchen."

In Österreich agiert der Presserat ähnlich wie sein deutsches Pendant: Die bloße Erwähnung der Herkunft eines mutmaßlichen Straftäters sei für sich alleine noch kein Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse – vorausgesetzt, dass die betroffene Gruppe dadurch nicht pauschal als kriminell dargestellt oder verunglimpft werde, hieß es im Herbst. Dennoch könne auch die bloße Nennung der Herkunft von Straftätern bei manchen Lesern eine negative Einstellung und Ressentiments gegenüber der betroffenen Gruppe hervorrufen; Vorurteile können geweckt oder verstärkt werden, heißt es. (APA, red, 8.3.2016)

Zum Thema

Berichte über Sextäter: Schweigen oder schreiben – Geteilte Expertenmeinungen zum Informationswert der Staatsangehörigkeit eines Vergewaltigers

Share if you care.