Wertekurse werden via AMS österreichweit zur Pflicht

9. März 2016, 12:11
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Schnellkurse sollen Flüchtlinge für den Alltag rüsten. Eine Kooperation mit dem AMS soll nun eine bundesweite Verpflichtung bringen

Wien – Sebastian Kurz will Neuankömmlinge fordern, selbst beim Smalltalk. "Sie haben vorher aber schon ganz gut Deutsch gesprochen", erwidert er einem jungen Mann, der sich auf Arabisch beim Integrationsminister und dem Rest des Landes für Aufnahme und Unterstützung bedankt hat. "Niemand verlangt, dass Sie Ihre Wurzeln vergessen und verleugnen", erklärt Kurz, "aber erfolgreich werden Sie nur sein, wenn Sie sich auf unser Land und seine Grundwerte einlassen."

Es ist nicht die einzige Lektion, die auf die zwölfköpfige Gruppe an diesem Vormittag wartet. Die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak absolvieren einen jener "Werte- und Orientierungskurse", wie sie künftig für alle Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte Pflicht sein sollen – ein Lieblingsprojekt des prominenten Gastes. Das Einverleiben des heimischen Wertekanons definiert Kurz als dritte Zuwandererpflicht nach Deutschlernen und Arbeitswille: "Nicht, weil das schlechte Menschen sind, sondern weil sie aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen."

Strafe für Drückeberger

In zwei Bundesländern sind die Kurse bereits Vorschrift: Vorarlberg und Niederösterreich drohen Drückebergern eine Kürzung der Sozialleistungen an. Als nächsten Schritt zu einer österreichweiten Verpflichtung präsentierte Kurz nun eine Kooperation mit dem Arbeitsmarktservice.

Das AMS wird die Wertekurse demnach ins eigene Angebot aufnehmen und mit den für Asylwerber bereits verpflichtenden Deutschkursen und Kompetenzchecks koppeln: Den Spracherwerb gibt es also künftig im Doppelpack mit dem Orientierungsunterricht. Wer nicht teilnimmt, dem droht wie schon bei den Deutschkursen als Strafe die Kürzung der Mindestsicherung.

Das AMS soll die Kursgruppen zusammenstellen und gegebenenfalls die nötigen Räumlichkeiten bieten, die Kurse führen werden aber Trainer des Integrationsfonds. Größter Bedarf herrscht naturgemäß in Wien, wo bereits 8,9 Prozent aller Arbeitslosen Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte sind. In Orten wie Murau, Tamsweg oder Bruck/Leitha können die AMS-Mitarbeiter Flüchtlinge unter den Klienten hingegen an einer Hand abzählen. Integrationsfonds-Leiter Franz Wolf verspricht: Es würden jedenfalls genügend Plätze für alle Anwärter geschaffen.

Österreich im Schnellverfahren

Viel soll hineingepackt werden in die achstündigen Tageskurse. Die offizielle Lernfibel bietet einen Schnelldurchlauf in Sachen Demokratie und österreichischer Geschichte ebenso wie praktische Infos und diverse Verhaltensregeln: Zu erfahren ist etwa, dass man hierzulande Müll trennen, nicht zu laut am Handy telefonieren und – unvermeidlich – zur Begrüßung die Hand schütteln soll.

Auch beim Lokalaugenschein des Integrationsministers am Dienstag dürfen heiße Themen nicht fehlen, den Nationalsozialismus hat die Gruppe schon durch, nun geht es um die Geschlechterfrage. c=v steht auf der Tafel im Schulungsraum des Integrationsfonds, die Trainerin verweist auf den dieswöchigen "Frauentag": "Wir haben so viel bei der Gleichberechtigung erreicht, das wollen wir nie aufgeben." Es sei gut möglich, eröffnet sie den Zuhörern, "dass Ihr zukünftiger Chef eine Frau ist". (Gerald John, 9.3.2016)

  • Die Wertekurse finden nun in Kooperation mit dem AMS statt: Neben einem kurzen Abriss über Geographie und Geschichte des Landes wird ein Schwerpunkt auf Gleichberechtigung und Religionsfreiheit gelegt.
    foto: apa/schlager

    Die Wertekurse finden nun in Kooperation mit dem AMS statt: Neben einem kurzen Abriss über Geographie und Geschichte des Landes wird ein Schwerpunkt auf Gleichberechtigung und Religionsfreiheit gelegt.

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