ORF-Finanzdirektor Grasl: "Als Co-Pilot sollte man mit Piloten einig sein"

9. März 2016, 11:35
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Antreten bei ORF-Wahl stehe derzeit nicht zur Debatte, er will vorher Zukunftsfragen klären – Grasl stellt sich in 30.000-Euro-Affäre vor Adrowitzer und Scolik

Wien – Ein mögliches Antreten bei der Wahl des ORF-Generaldirektors am 9. August steht für ORF-Finanzdirektor Richard Grasl derzeit nicht zur Debatte. "Es geht jetzt nicht um die Frage, wer für die Funktion des Generaldirektors kandidiert. Vorher muss geklärt werden, welche Richtung der ORF in wichtigen Zukunftsfragen einnimmt", sagte Grasl bei einem Hintergrundgespräch mit Medienjournalisten.

Programmfragen, Digitalstrategie, Covernance

Für Grasl gehe es dabei vor allem um "Programmfragen, Digitalstrategie und die Governance des Unternehmens". Der Finanzchef des öffentlich-rechtlichen Senders möchte sich ein Bild darüber machen, welchen strategischen Kurs der ORF in der nächsten Geschäftsführungsperiode von 2017 bis 2021 nimmt. "Als Co-Pilot im Cockpit sollte man ja jedenfalls mit dem Piloten einig sein, in welche Richtung man gemeinsam fliegt", erklärte Grasl.

Grasl stellt sich in 30.000-Euro-Affäre vor Adrowitzer und Scolik

In der 30.000-Euro-Affäre stellte sich Grasl vor die involvierten Mitarbeiter. Im ORF-Korrespondentenbüro in Wien sind wie berichtet laut Ermittlungen der internen ORF-Revision rund 30.000 Euro verschwunden, die eigentlich an den Osteuropa-Korrespondenten Christian Wehrschütz gehen sollten. Der ORF will deshalb die Staatsanwaltschaft einschalten, der Betriebsrat reagierte empört.

"Ich finde es nicht gut, dass einzelne Mitarbeiter vor Klärung des Sachverhaltes öffentlich beschuldigt werden, mit dem Verschwinden der 30.000 Euro zu tun haben", meinte Grasl in Richtung von Zentralbetriebsratsobmann Gerhard Moser, der die Verantwortung für die Vorgänge bei Korrespondentenbüroleiter Roland Adrowitzer und dem früheren Personalchef Reinhard Scolik sieht. Grasl: "Die Sache wurde von der Kaufmännischen Direktion ans Licht gebracht, die Regeln wurden bereits verschärft. Alle arbeiten an der Aufklärung mit."

Eigenkapitalpolster aufgebaut

Zufrieden zeigte sich der Kaufmännische Direktor mit dem vor kurzem vorgelegten Jahresabschluss. Der ORF erzielte im Vorjahr mit einem positiven Konzernergebnis von 7,5 Millionen Euro (EGT) das zweitbeste Ergebnis der vergangenen zehn Jahre. Die in Folge der Finanzkrise erzielten Negativergebnisse Ende der 2000er-Jahre konnten gedreht werden. "Wir haben den Eigenkapitalpolster langsam wieder aufgebaut, sodass die Risikotragfähigkeit des ORF für schwierige Zeiten wieder erhöht wurde", so Grasl. "Die Kostenstruktur konnte in den vergangenen Jahren flexibilisiert werden, sodass der ORF auch bei ungeplanten Belastungen bestehen kann."

Funkhausverkauf in der Zielgeraden

Der geplante Verkauf des ORF-Funkhauses, in dem derzeit die Radios Ö1 und FM4, das Landesstudio Wien sowie das Radio Symphonie Orchester und das RadioKulturhaus untergebracht sind, geht unterdessen in die Zielgerade. Der Verkauf steht auf der Agenda, weil die Wiener Standorte des Senders bis 2020 im ORF-Zentrum am Küniglberg zusammengeführt werden sollen. "Kommende Woche werden die ersten verbindlichen Angebote erwartet", berichtete der Finanzchef. "Von den Konzepten der Bewerber wird abhängen, ob der ORF kleine Flächen behalten wird. Dass es zu einem Verbleib der Radio-Sender im Funkhaus kommt, halte ich aber für ausgeschlossen."

Mehrheitsverhältnisse

Das Ringen um die Wahl der neuen ORF-Führung geht ab Juni in die heiße Phase. Der von der SPÖ unterstützte amtierende ORF-General Alexander Wrabetz hat seine Wiederbewerbung bereits im Dezember angekündigt. Der von der ÖVP favorisierte Grasl wollte Spekulationen über eine mögliche Kandidatur bisher nicht kommentieren. 18 Stimmen sind im 35-köpfigen ORF-Stiftungsrat für eine Mehrheit notwendig.

Die Mitglieder des Gremiums werden von Regierung, Parteien, Bundesländern, ORF-Publikumsrat und Betriebsrat beschickt und sind – abgesehen von wenigen Ausnahmen – in parteipolitischen "Freundeskreisen" organisiert. Die SPÖ kann derzeit auf 13 Vertreter zählen, der ÖVP-"Freundeskreis" umfasst 14 Mitglieder. FPÖ, Grüne, NEOS und Team Stronach haben je einen Stiftungsrat. Der von BZÖ/FPK bestellte und von der SPÖ-geführten Landesregierung bestätigte Kärntner Stiftungsrat sowie drei Unabhängige komplettieren das Gremium. Für die ORF-Wahl bedeutet diese Konstellation äußerst knappe Mehrheitsverhältnisse. (APA, 9.3.2016)

  • Richard Grasl: "Es geht jetzt nicht um die Frage, wer für die Funktion des Generaldirektors kandidiert. Vorher muss geklärt werden, welche Richtung der ORF in wichtigen Zukunftsfragen einnimmt".
    foto: apa/georg hochmuth

    Richard Grasl: "Es geht jetzt nicht um die Frage, wer für die Funktion des Generaldirektors kandidiert. Vorher muss geklärt werden, welche Richtung der ORF in wichtigen Zukunftsfragen einnimmt".

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