Paris Fashion Week: Halsschlaufen für die Warteschleife

9. März 2016, 17:00
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Unruhige Zeiten für die Modebranche: Mehrere Pariser Modehäuser stehen ohne Chefdesigner da. Noch dazu gerät das altbewährte Schauensystem ins Wanken

Wenn ausgerechnet Karl Lagerfeld auf die große Show verzichtet, dann ist das ein Zeichen. Dem Meister stand diesmal der Sinn nach etwas anderem. Eine Modenschau wie früher sollte her. Die fanden damals in privater Runde in den hauseigenen Ateliers statt. In diesem Sinne ließ er den Pariser Grand Palais in einen Salon verwandeln, cremeweiß, mit hellem Teppichboden, Vorhängen und großen Spiegeln an den Wänden. Wie damals üblich standen für die Gäste altmodische Stühle mit Namensschildern bereit.

Hüte mit Halsschlaufen bei Chanel

Auch die Kollektion selbst stand im Zeichen vergangener Zeiten. Die Models trugen flache Hüte, die mit Riemen unter dem Kinn befestigt waren, Halsschlaufen, riesige Perlenketten und die traditionelle Kamelie, Lieblingsblume von Coco Chanel, irgendwo als Brosche angesteckt. Trotzdem wirkte die Kollektion nicht aus der Zeit gefallen, dank sportiver Stiefel und Slippern mit kleinen, fast unsichtbaren Kitten-Heels.

foto: apa/ afp/ patrick kovaric

Lagerfelds Blick zurück ist symptomatisch: Internet und soziale Medien haben das altbewährte Schauensystem ins Wanken gebracht. In einer Welt, in der alles per Klick sofort zu haben ist, scheint eine sechsmonatige Wartezeit, bis die Produkte in den Geschäften hängen, auf einmal unzumutbar. Während die Modeindustrie also über neue Konzepte wie "see now, buy now" (sehen und direkt kaufen) diskutiert, besinnt sich Lagerfeld auf die guten alten Zeiten.

Am Abend vor der Chanel-Show hatte auch Designer Hedi Slimane eine Präsentation im alten Stil veranstaltet. In sein Atelier in der Rue de l'Université lud er nur 150 Gäste, setzte sie auf barocke Stühle mit eigens angefertigter Namensplakette und führte seine 42 handgemachten Kreationen ohne musikalische Begleitung vor, nur die Nummer des jeweiligen Looks wurde verkündet.

Slimane gibt sich retro

Fast retrospektiv zeigte Slimane eine von Couture inspirierte Kollektion, die an Yves Saint Laurent der 80-Jahre erinnerte: mit Federn besetzte Minikleider, breite Gürtel in der Taille, kurze Smokingjacken über hautengen Pailletten-Overalls, riesige Drapierungen und skulpturale Formen.

foto: apa/ afp/ martin bureau

Glaubt man den Gerüchten, könnte die Show seine letzte für Saint Laurent gewesen sein. Der neue Glamour-Grunge-Look, den er dem Haus in den letzten vier Jahren verpasste, wurde von der Presse kritisch beäugt: zu wenig innovativ und zu jung, hieß es. Aber die Zahlen gaben ihm recht: Dank seiner Teenager-Rockstar-Mode ist Saint Laurent heute erfolgreicher denn je. Doch nun könnte Schluss sein. Angeblich haben sich Slimane und Kering-Präsident François-Henri Pinault noch nicht über die Vertragsverlängerung einigen können.

Drei große Modehäuser ohne Chefdesigner

Dann stünden gleich drei große Modehäuser ohne Chefdesigner da: Dior, Lanvin, Saint Laurent. Und natürlich ist die Gerüchteküche längst am Kochen. Slimane werde Karl Lagerfeld bei Chanel ablösen, wird gemunkelt. Bouchra Jarrar soll beim Modehaus Lanvin anfangen. Außerdem komme Marc Jacobs zurück nach Paris, um Dior zu übernehmen. Für die Ateliers der Häuser wäre eine baldige Entscheidung wichtig. Sie haben derzeit die Aufgabe, den Platz warm zu halten.

Lucie Meier und Serge Ruffieux, die das Dior-Atelier kommissarisch leiten, blieb also gar nichts anderes übrig, als die Linie des Ex-Chefs beizubehalten, eine moderne Version der klassischen Dior-Codes. Bar-Jacken mit kurvigem Volumen, schwingende Kleider mit Blumenmustern und elegante Bleistiftröcke mit hoher Taille. Schön, aber wenig überraschend.

Bikersachen bei Louis Vuitton

Bei Louis Vuitton mischte Designer Nicolas Ghesquiere dagegen Biker- und Rennfahrer-Elemente, viel Leder, Rot und Schwarz, mit femininen Foulard-Kleidern, die an der Seite grob zusammengetackert schienen. Für Überraschung sorgte eine Reihe von Blazern mit ausgestellten Schößchen.

foto: apa/ afp/ bertrand guay

Bei all dem heillosen Durcheinander, zwischen Spekulationen über Vakanzen und der Zukunft der Modenschauen, sind es vor allem unabhängige Designer, die Beständigkeit und Stärke beweisen. Dries Van Noten zeigte wunderschöne Looks im Stil der 30er- und 40er-Jahre, bei denen er Elemente aus der Männermode – Anzüge, Krawatten, Pyjama-Kombinationen – gekonnt mit Samtstoffen, Leopardenmustern und Federstolas mischte. Aber auch die Valentino-Designer glänzten mit einer vom Ballett inspirierten Kollektion.

Unbekannte sorgen für frischen Wind

Für frischen Wind sorgen derzeit vor allem unbekannte Namen. So wie die Designerin Christelle Kocher mit ihrer coolen Mischung aus Sportswear und Couture. Für ihr Label Koché kombiniert sie Paillettenoberteile mit schwingendem Federsaum zu weiten Jogginghosen, Patchwork-Kleider und Spitzenoberteile zu Baggy-Jeans. Auch die großen Rüschenkragen, Raffungen, Schleifen, Riemen und barocken Puffärmel, die Glenn Martens für das Label Y/Project entwarf, bringen neuen Esprit nach Paris. Ein erfrischender Kontrast zum allgegenwärtigen Céline-Minimalismus.

foto: apa/ afp/ bertrand guay

Der neue Revolutionär der Branche aber heißt Demna Gvasalia. Der deutsch-georgische Designer, der mit seinem Rebellenlabel Vetements seit ein paar Saisonen die Modebranche aufmischt, wurde vor kurzem zum Kreativdirektor von Balenciaga ernannt. Jetzt zeigte er die erste Kollektion, und im 360-Grad-Livestream durfte zuschauen, wer wollte. Cristóbal Balenciaga hätte sich wohl im Grab umgedreht. Ganz im Sinne des Gründers waren dagegen die Kostüme mit ausgestellter und wattierter Taille, die futuristischen Formen und abgerundeten Volumen.

Dekonstruierte Parkas, florale Patchworkkleider und übergroße Daunenjacken, die offen über die Schultern hingen, erinnerten aber auch an den eigenwilligen Stil von Vetements. Nur dass dort die Formen deutlich extremer sind. Hoodies, Bomberjacken und Mäntel kommen bei Vetements in übertriebenem XXL-Format, Ärmel hängen bis zu den Knien, und Proportionen sind merkwürdig deformiert. Vetements ist zur Attitüde geworden. Auf T-Shirts mit riesigen Schulterpolstern darf ruhig "You fuck'n asshole" stehen. Wer cool sein will, macht mit.

Dass Gvasalia zu den Ersten gehörte, die ankündigten, von nun an außerhalb des normalen Schauenkalenders zu zeigen, versteht sich von selbst. Als Anführer einer neuen Generation wird er dem gebeutelten Modesystem hoffentlich die Zukunft weisen. (Estelle Marandon, 9.3.2016)

  • Mode mit Ansage: das Label Vetements.
    foto: apa/ afp/ bertrand guay

    Mode mit Ansage: das Label Vetements.

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