Gemeinsam in die Umkleidekabine

10. März 2016, 15:00
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Gegenseitige Unterstützung oder steinzeitliches Relikt

foto: apa/epa/tobias hase

Pro
von Margarete Affenzeller

Frau Himmelfreundpointner zieht die Umkleidetür hinter sich zu und kommt acht Tage nicht mehr heraus. Das ist wirklich sehr lange. Sie hatte drin einfach viel zu tun. In einem karg bemessenen Kämmerlein wie diesem braucht es eben Zeit, bis diverse Kleiderhäufchen getrennt voneinander aufgeschichtet sind. Am ersten Tag hat sie sich gleich einmal ganz entspannt die Haare zurechtgezupft. Wie das schon wieder ausgesehen hat! Der zweite Tag diente der näheren Betrachtung des Make-up. Das Licht schien gut, ja sensationell, die Wangen glänzten, es war eine Freude.

Tag drei und vier vergingen wie im Flug. Und am fünften vergnügte sich die werte Dame mit den lehrreichen Ansichten der zweiseitigen Bespiegelung. Seien wir ganz ehrlich, wo hat man einen untrüglicheren Blick auf den eigenen Wuchs als in so einer friedlichen Umkleide!? Und genau das ist des Übels Kern. In Wahrheit war Frau X am zehnten Tag noch immer drin, mit sich und ihren Spiegeln im Reinen. Die Menschenschlange draußen war ihr völlig egal. Hätte sie nur Frau Kerschbaummayr begleitet!

Kontra
von Ronald Pohl

Den Urmenschen in ihren kleidsamen Fellkostümen erschien individuelles Handeln undenkbar. Sie waren fruchtbar, ihre Sippen bildeten Urhorden. Beschlich ein solcher Interessenverband das Mammut, brachen die Steinzeitmenschen zu Dutzenden aus dem Busch. Das arme Mammut, zu Tode geängstigt, fiel auf der Stelle um. Man kann sich unschwer vorstellen, dass unsere Vorfahren von den Ertragsleistungen ihres kooperativen Handelns schwer begeistert waren.

Sie wurden unzertrennlich. Klosettgang, Frauentausch, die Zubereitung nahrhafter Fleischmahlzeiten unter freiem Himmel: Alle Aktivitäten fanden im Schoß der Gruppe statt.

Ein paar Jahrtausende später haben sich die Vorzeichen verändert. Die Felle sind bedruckten T-Shirts gewichen. Die Menschen ernähren sich jeder für sich, sie kumulieren Bauch- und Hüftfett. In den Umkleidekabinen unserer Textildiskonter herrschen die eisernen Gesetze der Ökonomie. Umkleidekabinen sind die Brutstätten des modernen Narzissmus. Das Mammut im Spiegel? Ist man selbst. (RONDO, 10.3.2016)

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