Qualität im Kindergarten

Blog10. März 2016, 10:52
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Man kann das Kind auch mit dem Bad ausschütten: Wie die Stadt Wien ihre Qualitätskontrollen bei den Kleinsten angeht

Die Kindergartenstudie des Islamwissenschafters Ednan Aslan ist der Stadt Wien gehörig in die Knochen gefahren. Dass "intellektuelle Salafisten und politische Islamisten die dominierenden Gruppen in der islamischen Kindergartenszene in Wien" seien, wie Aslan dem STANDARD sagte, hat die Verantwortlichen aufgescheucht. Hier muss etwas getan werden, dachte man wohl in der Stadt und schritt umgehend ans Kontrollwerk.

Wie eine solche Kontrolle in der Praxis aussehen kann, erfuhr ein sogenannter "Privatkindergarten" (nicht islamischer, sondern christlich-gutbürgerlicher Hintergrund) vor kurzem recht anschaulich. Bei der Kontrolle durch die zuständige Magistratsabteilung wurde zunächst beanstandet, dass ein Besen in einem Gruppenraum stand. Das sei "unhygienisch", hieß es, Besen müssten grundsätzlich versperrt in eigens dafür vorgesehenen Putzkämmerchen stehen. Ausnahme: Kinderbesen, mit denen die Kinder das Aufkehren spielen können.

"Gefahr für Leben und Gesundheit"

Nun mag man darüber streiten, wie sinnvoll eine solche Regelung ist. Das ist aber nichts im Vergleich dazu, was der Kindergartenleitung einige Tage später via Einschreiben unter dem Betreff "Mängel, die eine Gefahr für das Leben oder die Gesundheit der Kinder darstellen und unverzüglich zu beheben sind", ins Haus flatterte – und was der Kindergartenleiterin beinahe die Fassung raubte.

Beanstandet wurde inhaltlich allerdings nur, dass die Pädagoginnen keine schriftliche "Reflexion der vorangegangenen Bildungsarbeit" vorlegen konnten. Soll heißen: Im Wiener Bildungsplan ist zur Qualitätssicherung verankert, dass die Bildungsarbeit "geplant und reflektiert" erfolgen soll und dass die "konzeptionellen und methodischen Entscheidungen argumentiert und im Rahmen der BildungspartnerInnenschaft transparent gemacht" werden sollen. Dass das schriftlich zu erfolgen hat, steht zwar nicht explizit drin, ist aber wohl so gemeint.

Fingerspitzengefühl gefragt

Nun erhebt sich die Frage, ob hier nicht im Feuereifer der Qualitätssicherung gleich einmal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Ist es wirklich notwendig, wegen einer fehlenden schriftlichen Reflexion der Bildungsarbeit ein Schreiben unter dem Titel "gefährdet Leben oder Gesundheit der Kinder" zu schicken? Bei allem politischen Druck, der derzeit sicherlich auf den zuständigen Beamtinnen und Beamten lastet: Hier muss man wohl auch mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl vorgehen.

Den Effekt, der mit solchen Schreiben erzielt wird, kann man sich leicht ausmalen: maximaler Ärger und innerer Widerstand gegen "die da oben" und ihre Vorgaben. Das kann wohl nicht der Sinn der Sache sein – und hat das Potenzial, den gegenteiligen Effekt zu erzielen.

Frage der Umsetzung

Abgesehen davon erhebt sich die Frage, ob man als Aufsichtsbehörde durch ein Zettelwerk an persönlichen, handschriftlichen Reflexionen jeder einzelnen Pädagogin tatsächlich dahinterkommt, ob in einem Kindergarten demokratiepolitisch bedenkliche Inhalte vermittelt werden.

Die Absicht ist gut und begrüßenswert. Die Frage ist, ob hier auch die Umsetzung passt. Am Ende wird wohl nichts anderes übrig bleiben: Man wird (zusätzliches) Geld und Personal in die Hand nehmen müssen, um zu gewährleisten, dass kein Schindluder mit geförderten Kindergartenplätzen getrieben wird. Ohne begleitende, beobachtende und ständige Kontrolle wird das wohl nicht gehen. (Petra Stuiber, 10.3.2016)

  • Maximale Qualität in der Kindergartenpädagogik soll durch engmaschige Kontrollen gewährleistet werden. Die Frage ist, ob die Mittel dafür tauglich sind.
    reuters

    Maximale Qualität in der Kindergartenpädagogik soll durch engmaschige Kontrollen gewährleistet werden. Die Frage ist, ob die Mittel dafür tauglich sind.

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