Notenbanker kämpfen gegen übermächtigen Feind

9. März 2016, 07:00
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Die EZB überschwemmt die Märkte mit Geld. Die Skepsis gegenüber der Strategie wächst

Wien – Es ist das bisher gewagteste Projekt von Mario Draghi. Im März 2015 hat die EZB unter seiner Führung damit begonnen, Staatsanleihen im großen Stil zu kaufen. 770 Milliarden Euro hat die EZB seither für dieses Quantitative Easing (QE) genannte Programm ausgegeben. Das entspricht mehr als der doppelten Wirtschaftsleistung Österreichs. Diesen Donnerstag wird die Führung der Zentralbank in Frankfurt erneut über ihre Strategie beraten und die Geldpolitik wohlmöglich weiter lockern. Aber warum erwägt die EZB überhaupt zu handeln – droht sie das Match gegen die Krise zu verlieren?

Zinsen sinken stark

Erstes großes Ziel der EZB war es, das Zinsniveau zu senken. Die Sparer in Österreich wird das nicht freuen, aber die Notenbanker waren erfolgreich: Die EZB kaufte so viele Staatsanleihen, dass sie damit die Kurse für diese Wertpapiere am Markt stark nach oben trieb. Steigen die Kurse, sinkt die Rendite, also die langfristige Verzinsung, dieser Papiere. Für die Euroländer bedeutete dies, dass sie deutlich günstiger an Kredite rankommen.

Für Italien ist die langfristige Kreditaufnahme heute um 40 Prozent billiger als zu dem Zeitpunkt, als die EZB ihre Intervention angekündigt hat. Im Falle Italiens sind die Kosten um über 20 Prozent gesunken. Rom und Madrid stehen nicht mehr in der Schusslinie der Finanzmärkte. Die Regierungen haben "Spielräume" dazugewonnen und konnten ihr Spartempo drosseln, wie Christian Odendahl, Chefökonom des Londoner Centre for European Reform, sagt. Das sollte der Konjunktur helfen.

Um den niedrigen Anleihenzinsen zu entfliehen, müssen sich Investoren nach neuen Möglichkeiten umsehen. Quantitative Easing führt in der Theorie daher dazu, dass Banken und Fonds viel Geld zur freien Verfügung haben, um es in die Realwirtschaft zu stecken. Durch diese Umschichtung sollen Firmen günstiger an Kredite kommen. Geld hat sich tatsächlich verbilligt: In Italien kommen heute Unternehmen um mehr als ein Viertel günstiger an Kredite als vor der EZB-Intervention. Die große Differenz zwischen dem Norden und Süden Europas ist, was die Kreditkosten betrifft, nahezu verschwunden. Punkt für die EZB.

Kreditnachfrage steigt kaum

Die niedrigen Zinsen haben nicht dazu geführt, dass Unternehmen mehr Kredite nachfragen. Statistiken der EZB zeigen, dass sich der Bestand an Unternehmenskrediten im Jahr 2015 kaum verändert hat. Woran das liegt? Firmen sehen zu wenige Gelegenheiten, um zu investieren. Gemessen an der Wirtschaftsleistung, stagniert jener Betrag, den Unternehmen für den Bau neuer Fabriken oder den Erwerb neuer Maschinen ausgeben. Diesen Effekt zeigt auch eine Statistik der Oesterreichischen Nationalbank: Unternehmen in Österreich haben sich von Banken zwar üppige Kreditlinien zu guten Konditionen zugesichert, diese Kreditlinien werden aber oft nicht genutzt, die Firmenchefs greifen auf das Geld nicht zurück. Punkt für die Krise.

Der Euro wurde geschwächt: EZB 1 – Krise 1

Wichtige Notenbanken müssen in vielen Fällen nicht handeln, um eine bestimmte Reaktion an den Märkten auszulösen. Davon hat auch Draghi profitiert. Er kündigte QE das erste Mal im August 2014 im Zuge einer Notenbanktagung in den USA an. Um dem Zinstief zu entkommen, verkauften viele Anleger Euro. Als Folge davon verlor die Gemeinschaftswährung im September deutlich an Wert gegenüber Dollar, Franken und Co. Damit verbilligten sich die Ausfuhren europäischer Firmen, und diese konnten ihre Exporte steigern. Zwischen Jänner und November 2015 lagen die Warenausfuhren aus der Eurozone in die restliche Welt um fünf Prozent über dem Vorjahreswert. Klarer Punkt für die EZB.

Von Inflation keine Spur: EZB 2 – Krise 1

Das große Problem ist, dass die Wirkung von QE nachgelassen hat. Draghis Worte waren wirkungsvoller als seine Taten. Der Euro hat nach dem starken Fall 2014 nicht weiter nachgegeben, sondern sogar leicht aufgewertet. Die Inflation hat zuerst wie gewünscht zugelegt. Doch der tiefe Ölpreis hat zuletzt dafür gesorgt, dass die Teuerungsrate wieder gesunken ist. Im Februar war die Inflationsrate im Euroraum neuerlich wieder negativ. Selbst wenn man die Energiekosten herausrechnet, ist die Inflation weit vom Ziel der EZB (um die zwei Prozent) entfernt. Punkt für die Krise.

Wachstum fehlt: EZB 2 – Krise 2

Weil der Sprit billig ist, können die Konsumenten beim Tanken sparen, und ihnen bleibt mehr für den Konsum übrig. Dieses Bild lässt sich derzeit in ganz Europa beobachten, der Inlandskonsum entwickelt sich gut. Doch reicht das nicht aus, um die fehlenden Investitionen der Unternehmen auszugleichen. Die Wirtschaft wächst insgesamt also nicht stark genug. Vor wenigen Wochen hat die Industriestaatenorganisation OECD ihre Wachstumsprognose für die Eurozone für heuer von 1,8 auf 1,4 Prozent gesenkt. Das ist nicht genug, um die hohe Arbeitslosigkeit zu senken. Punkt und 3:2-Sieg für die Krise. (András Szigetvari, 9.3.2016)

  • Die EZB macht seit einem Jahr unkonventionelle Politik.
    foto: apa/dpafrank rumpenhorst

    Die EZB macht seit einem Jahr unkonventionelle Politik.

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