"Jenseits von fukuyama": Sanfte Kontrolle

8. März 2016, 17:20
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Premiere von Thomas Köcks Stück als finsteres James-Bond-Kammerspiel im Theater Drachengasse

Wien – Der US-amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama hat in seinem weltberühmt gewordenen Buch Das Ende der Geschichte (1992) dieselbe als gesetzmäßige, unausweichliche Entwicklung von Ereignissen beschrieben. Auf die Phase totalitärer Systeme folge zwangsläufig jene liberaler Demokratien.

Mehr als zwei Jahrzehnte später malt ein junger Dramatiker diese Zukunft in einem Stück wenig wünschenswert aus. Jenseits von fukuyama, so der Titel, öffnet das Hintertürl der liberalen Demokratie. Man blickt in einen schwarzen, fensterlosen Raum mit undurchschauberer Ausstattung. Fünf Gelenkstangen mit Mikrofonen hängen von der Decke (Bühne und Ton: Samuel Schaab). Gemütlich ist das nicht.

Der Backstageraum der "liberalen Demokratie" ist eine gigantische Datensammel- und -auswertungszentrale, ein als Agentur für Glücksforschung getarntes Unternehmen, das sich die reibungslose, totale Kontrolle der Bevölkerung zum Ziel gemacht hat. Eine gruselige Sache, auf die wir gläsernen Menschen samt allen "Spuren", die wir im Netz hinterlassen, derzeit auch fröhlich zurudern.

Katharina Schwarz inszeniert dieses 2014 mit dem Osnabrücker Dramatikerpreis ausgezeichnete Stück von Thomas Köck als finsteres James-Bond-Kammerspiel, dessen synthetische Atmosphäre aber wenig Emphase aufkommen lässt. Als ginge es hier um ein IT-Problem, bewegen sich die fünf Darsteller um die obengenannten Gelenkarme und schauen in magisches Licht. Darüber hinaus pflegen diese Angestellten samt ihrer Chefin eine harte, kantige Sprechweise, die den Zuhörer abstumpft. Die Brutalität der Sätze, die Köck meisterlich zusammenbaut, ist aber diffiziler und liegt woanders. Besonders toll: die Ansprache der 1990er-Jahre an die Geschichte!

Schwarz versucht ein dem Schauplatz entsprechend "realistisches", technoides Setting herzustellen, aber genau dieses bietet dann wenige Anhaltspunkte für weiterführende Gedanken. Alle sind sie überarbeitete Leistungsträger und haben innerhalb des Unternehmens selbst brutale Konkurrenzkämpfe auszutragen.

Thomas Köck, 1986 in Steyr geboren, wird als der Jungdramatiker der Stunde gefeiert. Erst kürzlich erhielt er den Kleist-Förderpreis. In wenigen Wochen hat sein "postapokalyptischer Spaziergang" Strotter am Schauspielhaus Uraufführung. Seine Texte bedürfen einer mutigeren Regie. (Margarete Affenzeller, 8.3.2016)

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