"Trumbo": Maulwurf mit Weitsicht

9. März 2016, 05:30
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In seinem Biopic verfolgt US-Regisseur Jay Roach das Leben des legendären Drehbuchautors. Im Kalten Krieg wurde Dalton Trumbo als einer der "Hollywood Ten" zu einem Opfer der "Blacklist" – ein Film über individuellen Kampf und kollektive Freiheit

Wien – Die besten Einfälle hat er in der Badewanne. Und wenn er hier gestört wird, reagiert Dalton Trumbo allergisch. Da kann die Familie gern den Geburtstag der Tochter feiern, der Vater verbietet sich energisch jedwede Unterbrechung. Er würde nicht mal aufstehen, sollte das Haus brennen, weist er die Tochter scharf zurück, denn in so einem Fall könne ihm an seinem liebsten Arbeitsplatz ohnehin nichts passieren.

Einige Jahre früher, als die Familie noch in einem schönen Haus auf dem Land wohnte, musste er sich noch anderweitig rechtfertigen. Auf die Frage an den Vater, ob er denn Kommunist sei, meinte der erfolgreiche Drehbuchautor, das sei er gewiss, "denn alles Gute könnte besser sein". Das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" hingegen verlangte andere Antworten. Und weil Trumbo den Kommunistenjägern keine Namen anderer angeblicher Staatsfeinde nannte, waren die Antworten Gefängnisstrafe und Arbeitsverbot. Das entscheidende Argument Trumbos war und blieb die Infragestellung derartiger Fragen.

foto: paramount pictures
Die Schreibmaschine nicht als Waffe, sondern als Mittel zum Zweck: Bryan Cranston als denunzierter Drehbuchautor im Biopic "Trumbo".

Trumbo beginnt im Jahr 1947 auf dem Höhepunkt der Karriere des gefeierten Autors. Triumphal gleitet die Kamera über Plakate von Filmen, die Trumbo berühmt machten, und doch ist die Ouverture bereits ein Abgesang, der nur vom unablässigen Hämmern auf einer Schreibmaschine übertönt wird. Im selben Tempo entwirft auch Regisseur Jay Roach ein Stück Zeitgeschichte: Stalin winkt in der Wochenschau seinen Panzern zu, der Kalte Krieg hat auch Hollywood erfasst – die mächtigste Bildermaschinerie des Jahrhunderts steht unter dem Generalverdacht der Manipulation. Und wer könnte geschickter ein Millionenpublikum beeinflussen als ein schreibender und bekennender Kommunist?

Die dunkle Ära Hollywoods, in der zahlreichende Filmschaffende auf der sogenannten schwarzen Liste landeten, mit Berufsverbot belegt, in Armut und Anonymität gedrängt und vereinzelt sogar in den Selbstmord getrieben wurden, bildet jedoch nur den historischen Hintergrund einer im Grunde unheroischen Erzählung über familiären Zusammenhalt und den Preis, den man dafür zu zahlen bereit ist.

theothersideoffilm

Denn Trumbo ist nicht die Geschichte eines widerständischen Helden, sondern eines Mannes, der – zunächst noch "Salonkommunist" – seine Überzeugung auch vor sich selbst vertreten muss. Das Netzwerk von Freunden und Unterstützern weist indes immer größere Löcher auf. Wenn der Schauspieler Edgar G. Robinson zwar eines seiner wertvollen Gemälde verkauft, um Trumbos Prozesskosten zu übernehmen, schließlich aber selbst vor dem Komitee in die Knie geht, macht Trumbo deutlich, wie systematische Gewalt den Einzelnen zu Boden drückt.

Arbeit am Fließband

Bryan Cranston, für seine Darstellung zu Recht für einen Oscar nominiert, macht aus dem kettenrauchenden Trumbo keinen Sympathieträger, sondern einen nie gänzlich durschaubaren Mann, dessen Stärke seine Weitsicht ist. Nach der Haftentlassung entstehen unter einem Pseudonym starbesetzte Filme wie Roman Holiday mit Gregory Peck und Audrey Hepburn – die jeweiligen Oscars muss jemand anderer für ihn entgegennehmen. Und auch seine im Teamwork betriebene anonyme Fließbandarbeit für den B-Picture-Produzenten Frank King (John Goodman) betrachtet er als Mittel zum Zweck: Eines Tages wird sein Name wieder auf der Leinwand auftauchen, etwa wenn ihn der junge Kirk Douglas um seine Mitarbeit an Spartacus bittet.

Trumbo zeichnet seinen Protagonisten als Marathonmann vor allem im Ideologiestreit mit seinen Gegnern im Filmgeschäft, klugerweise personifiziert in der einflussreichen und durchtriebenen Klatschkolumnistin Hedda Hopper (Helen Mirren). Wenn John Wayne ihm ins Gesicht schlagen wolle, würde er gern vorher die Brille abnehmen.

In einer Rede am Ende des Films spricht der rehabilitierte Trumbo kurz vor seinem Tod im Jahr 1976 über Schuld und Versöhnung: Jeder habe damals getan, wozu er imstande war. Trumbo zeigt, dass viele etwas getan haben, was sie nicht hätten tun dürfen. (Michael Pekler, 9.3.2016)

Ab 11.3. im Kino

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