Und dann sind wir Mütter geworden

Blog16. März 2016, 08:00
304 Postings

Verantwortung zu leben heißt Träume aufzugeben. Der neue Blog "Familiensachen" ab 20. März auf derStandard.at widmet sich dem Muttersein heute

Die meisten Frauen meiner Generation sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass sie, wenn sie es nur wollen, alles erreichen können, dass ihnen alle Türen offenstehen und dass Gleichberechtigung kein frommer Wunsch ist, sondern ein gesellschaftliches Versprechen. Wir haben zwar alle Augen und Ohren gehabt und mit ihnen auch den Gender Pay Gap wahrgenommen, die triste Zahl von Frauen in Führungspositionen, oft fragwürdige weibliche Vorbilder und diese offenbar doch schwierige Geschichte mit der Vereinbarkeit.

Wir dachten nur, dass wir als gut ausgebildete, engagierte, motivierte und erfolgreiche junge Frauen nichts davon zu befürchten hätten. Weil wir nämlich gleichzeitig gelernt haben, mit den Männern umzugehen, die uns in unserer Berufswelt begegnet sind. Wir haben Machismen pariert, die Arroganz schlechter qualifizierter junger Karrieristen ertragen, uns manche Männer sogar zu Förderern gemacht. Wir haben auch gelernt, uns als Frauen zu solidarisieren, uns gegenseitig zu unterstützen und als Feministinnen gemeinsam für Gleichberechtigung in der Berufswelt zu kämpfen.

Träume aufgeben

Dann sind wir Mütter geworden, und das Versprechen, alles zu erreichen, ist obsolet geworden. Weil Einkommensunterschiede, Teilzeitarbeit, Karriereaus und Unvereinbarkeit uns alle gleichermaßen treffen. Egal, ob wir an Supermarktkassen sitzen oder in Vorstandsbüros. Und weil wir Verantwortung übernommen haben. Für unsere Kinder, für unsere Partner, für uns selbst. Verantwortung zu leben heißt Träume aufgeben. Verantwortung zu leben heißt verzichten. Auf die Afterworkparty, auf den 60-Stunden-Job, auf spontanen, möglicherweise anonymen Sex.

Wir Frauen Mitte 30 stehen irgendwo dazwischen. Zwischen Windelkübel, beruflichem Erfolg, Netzwerken, Beziehungen und Freundschaften. Und wir sehen klarer denn je, dass unsere Mädchenträume mittlerweile längst verblasst sind. Dafür tun sich neue Wege auf, die anders sind. In einem Punkt aber schöner, besser und großartiger als zuvor. Weil wir sie nicht mehr allein gehen, sondern an unseren Händen Kinder begleiten.

Wie es geht, sich dabei selbst nicht zu verlieren und neue Träume zu basteln? Darüber mache ich mir jeden Tag Gedanken. Und schreibe sie auf. Dazwischen. (Sanna Weisz, 16.3.2016)

Sanna Weisz' Blog "Familiensachen" startet am 20. März auf der derStandard.at/Familie und erhält alle zwei Wochen einen neuen Eintrag.

Sanna Weisz ist Mitte 30, verheiratet und lebt und arbeitet in Wien. Mit ihrem Mann gemeinsam hat sie mehrere Kinder, von denen sie aber nur zwei selbst geboren hat. Darum weiß sie nicht nur, wie es ist, ein Kindergartenkind zu betreuen, sondern kennt auch die Sorgen und Nöte fast erwachsener Mittelschüler. Sanna Weisz schreibt darum zwischen Kindergeburtstag, Job, Schwimmkurs und Schulball darüber, wie es ist, mit Kindern zu leben.

foto: privat
Die Autorin als Baby.
Share if you care.